Rücksendungen & Weiterleitungen

  • Liebe Freunde,


    der Brief eines Vaters an seine "Geliebten Kinder" aus Krefeld vom 16.6.1838 nach Mainz wäre im Prinzip nichts Besonderes, aber der hier schon.


    Der Vater adressierte ihn an "Herrn Gustav Molenaar - poste restante in Mainz" und frankierte mit 5 1/4 Groschen.


    Er dürfte ca. 2 Tage unterwegs gewesen sein, ehe er im thurn- und taxischen Postamt Mainz ausgehängt wurde in der Hoffnung, der gute Gustav würde sich seiner erbarmen und ihn abholen.


    Aber das tat er nicht. Man wartete knapp 3 Monate ab, strich "Mainz" durch und notierte oben nur lapidar "nicht abeholt" und sandte den Brief ohne jede weitere Dokumentation nach Krefeld zurück, wo er am 15.9.1838 Eingang gestempelt wurde.


    Nur weil er poste restante gestellt worden war, galt er als ausgeliefert (nämlich der Mainzer Post) und so kostete die Rücksendung auch wiederum 5 1/4 Groschen, wie die Hinsendung, so dass dies eine teuere Angelegenheit für den guten Vater wurde, nämlich 10 1/2 Groschen (plus 1/2 Groschen Bestellgeld in Krefeld, die nicht ausgewiesen sind, womit sich seine Gesamtkosten auf 11 Groschen erhöhten - viel Geld dafür, dass nur er ihn gelesen haben dürfte).


    Wäre das schon nicht allein eine postgeschichtlich feine Sache (poste restante Briefe sind selten, vor allem Frankierte - zurück gelaufene noch weitaus seltener), so lesen wir in der 1. Zeil die Contravention:

    "Soeben bringt mir der Vater einliegenden Brief mit dem Ersuchen, demselben etwas beizufügen, es ist Samstag Morgen und etwas Druck daher konnte er nicht viel schreiben, und sogleich ist die Postzeit da, so dass auch mir wenig Zeit übrig bleibt".

  • Lieber Ralph,

    interessanter Beleg. Auch die Stempel sind sehr sauber abgeschlagen und über die Schrift kann man auch nicht meckern.

    viele Grüße
    Erwin W.
    preussen_fan

  • Liebe Freunde,


    den folgenden Brief konnte ich letztens von jenseits des großen Teichs angeln. Anscheinend sind so vollgekritzelte Briefe dort nicht so beliebt und die alte Schrift ist eh immer schwierig zu entziffern ... ;)



    Leider ist es nur (wie bei diesem Adressaten regelmäßig) eine leere Briefhülle, aber dennoch freue ich mich über diesen Fund. Die Aufgabe erfolgte am 7. Mai 1864 (nach unserem Kalender 19. Mai) bei dem abulanten Bahnpostamt eines Zuges auf der Nikolaevskaya-Strecke bei der Station 37. Da innen handschriftlich Moskau notiert wurde, gehe ich davon aus, dass diese Station für Moskau (End- bzw. Anfangshaltestelle der Verbindung Moskau-Petersburg) steht. Adressiert ist der Brief an

    Henry (Heinrich) Schliemann poste restante Aachen Preussen.

    Der Brief lief über St. Petersburg und dann über Eydtkuhnen-Bromberg, Kursstempel Eydkuhnen-Bromberg vom 21.5., nach Preußen. Auf dieser Strecke wurde Aus Russland gestempelt und der Portobetrag von 6 Sgr. notiert. Am 23.5. erreichte er das Aachener Postamt, rückseitiger Ausgabestempel. Dort stellte man fest, dass der Adressat mittlerweile weitergereist war und seine neue Adresse hinterlassen hatte. Die alte Adressierung wurde gestrichen und die neue Adresse hinzugefügt:

    per Adr: Zellweger & Cie

    23 / 5 nachgesandt nach Paris

    Da die kleine Schreibweise anscheinend zu unauffällig war, wurde beides nochmal mit schwarzer Tinte und großer Schrift wiederholt.

    Ich bin mir nicht ganz sicher, was das doppelt gestrichene Wort mit Blaustift oben links heissen soll. Nachsenden ? Vielleicht weil man die Adresse zunächst rückseitig notiert hatte?

    Jedenfalls wurde der Brief als nicht zugestellt behandelt, also nicht neu taxiert.

    Über Erquelines kam der Brief am 24.5. in Paris an und konnte gegen Zahlung der wohlbekannten 11 Dec. Porto zugestellt werden.


    Heinrich Schliemann zog sich 1864 aus seinem erfolgreichen Geschäftsleben in Russland zurück und begann Studienreisen (Asien, Amerika) sowie etwas später das Studium von Sprachen und Altertumskunde an der Pariser Sorbonne. Man darf also vermuten, dass dieser Brief den Beginn dieser Zeit dokumentiert.


    Ulrich Zellweger, ein bekannter schweizer Bankier und Publizist, hatte 1848 in Frankreich das Bankhaus Zellweger & Cie. gegründet.


    Gruß

    Michael

    Preußen mit Transiten

    Einmal editiert, zuletzt von Michael ()

  • lieber Michael,

    da hast du ja ein Superstück ergattert, bei dem Empfänger. Den Adressaten kann man ja leicht bei diesem vollgeschriebenen Brief überlesen.

    viele Grüße
    Erwin W.
    preussen_fan

  • Lieber Michael,


    herzlichen Glückwunsch zu dieser Bombe, denn etwas anderes kann man dazu kaum sagen!


    Optisch ein Traum (o.k., da untescheiden sich wohl amerikanische Sammler von mir), poste restante, Nachsendung mit Nachtaxierung in ein fremdes Land - und als Empfänger der legendäre Heinrich Schliemann - was will man mehr? Wer hätte den nicht gerne in seiner Sammlung?


    Leider kann ich das Wort oben links auch nicht lesen - ein Bläuelkrüppel, wie der liebe Achim immer so schön schreibt, aber auch ohne das eine Wort lesen zu können hat der Brief alles, was man sich wünschen kann. :love:

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus