Zensur und Brieföffnungen




  • Zensur am Gotthardt im März 1800?


    Liebe Freunde der Postgeschichte,
    der Vermerk „Auf dem Gotthardtberg / eröffnet worden“ auf der Rückseite eines Briefes vom 26.3.1800 von Intra (Sardinien - Piemont) nach Basel (Schweiz) macht mich neugierig. Zwei verschiedene Siegel auf der Rückseite des Briefes, die ich leider nicht zuordnen kann, bestätigen die Brieföffnung. Ich habe in einem angefügten PDF Dokument einige Infos aufgeführt und bitte um euere Hilfe bei der Beantwortung einige Fragen:
    Gab es eine Zensur am Gotthardt in 1799/1800?
    Kann jemand die Siegel zuordnen?
    Kann jemand die Taxen und den Leitweg genauer erklären?
    LG
    Rudolf
    P.S. Bei den Tücken der Technik müsst ihr euch die beiden Briefabbildungen als in das PDF - Dokument eingefügt vorstellen
    Brief 3052.pdf

    Beste Grüße

    Rudolfo

  • Hallo Rudolfo


    Ein sehr interessanter Brief. Deine Fragen kann ich nicht beantworten.


    Aber es gab auch über Brenner in 1800 einen Zensur, auch mit Ziegel zu erkennen aber ohne andere Vermerke wie hier.


    Danke fürs Zeigen :)


    Viele Grüsse
    Nils

    Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist in der Praxis grösser als in der Theorie.

  • Hallo Rudolfo,


    vielleicht ist hier ein Zusammenhang mit der Zensurstelle in Innsbruck im Jahr 1800,
    wie im Buch "Postbeziehungen Bayern - Österreich des Münchener Briefmarken-Club e.V."
    auf Seite 15 beschrieben. Hier ist ein Brief abgebildet, der von der Innsbrucker Zensur-
    stelle mit dem Zensursiegel wieder verschlossen wurde.


    Ich habe hierzu in einen anderen Thread einen Brief über Innsbruck aus dem Jahr 1800
    mit einen zweiten Siegel eingestellt:


    Auslandsbriefe 1.8.1798 - 14.11.1803


    Zu Deinen Brief mit der Zensur am Gotthardt dürfte sicherlich Achim näheres wissen.



    Beste Grüße von VorphilaBayern

  • Als ich den Beitrag zur Gotthardzensur gelesen hatte, dachte ich auch sogleich an Innsbruck. Beide Massnahmen fallen in das Jahr 1800 und beide sind "offen" getroffen worden, also für den Empfänger nachvollziehbar.
    Geht es aber um die Ursache und den Sinn der Massnahme, bleiben noch viele Fragen offen. Meine Rücksprache mit österreichischen Kennern ergab keine befriedigenden Erklärungen. Leider fehlen uns Archivalien, die wohl am ehesten in Innsbruck zu erwarten sind, wenn die aber im sog. "bayerischen Archiv" liegen, dürften sie so schnell nicht zu heben sein.
    Ich kann also leider nichts Erhellendes beitragen. Ungefähr 10 Briefe mit der Innsbrucker Zensur kenne ich, mal sehen, ob von der am Gotthard noch mehr kommen.
    Liebe Grüsse Achim

  • Hallo Rudolfo,
    Firmen Siegel – das was du als Anker siehst: hat Ursprung in Runen Schrift, damit eine Bedeutung.
    Es ist dritte Buchstabe auch vorhanden: A. Also S G A.
    LG F

    "Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben."
    W. v Humboldt

  • Liebe Filigrana,
    jetzt, wo du es sagst, sehe ich das A auch.
    Was meinst du ist die Bedeutung der "Rune"?
    LG
    Rudolf

    Beste Grüße

    Rudolfo

  • Hallo,
    hier ein Link zum Runen Schrift.


    http://www.google.de/url?sa=t&…T1Q&bvm=bv.65397613,d.ZGU


    ...wenn du dir eingravierende Zeichen in alte Gebäuden ein schaust, alten Zunft Zeichen, Namen der alte Götter mit Beschwörungen, Namen von Personen oder dehne Berufe, Zahlen...oft sind solche Zeichen als Symbole übernommen worden.


    Ein Beispiel:
    Ein Steinmetz eingraviert ein Symbol in XY Jahrhundert auf einem Haus: „Odin – Beschützer der reisender“. Er macht es aus dem Grund weil diese neugebaute Haus eine Einsiedler Familie gehört. In XY Jahrhundert geht der Hausherr in Ausland, weil er Zuhause seine Familie nicht ernähren kann ..Er wird ein Kaufmann, als Symbol für seine Firma übernimmt er diese Zeichen von seinem Haus. Damit natürlich auch für sein Siegel. Es passt zur ihm, er ist wieder ein reisender, und gläubig..


    Hoffentlich hab ich es verständlich beschrieben..
    LG A

    "Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben."
    W. v Humboldt

  • So lange Mann nur die anonyme Frauen verwechselt...ist der Welt in Ordnung.. :P

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    W. v Humboldt

  • Hallo,
    der Anker Symbol ist ein sehr altes Zeichen der Treue. Ähnlich ist der Ankerkreuz, was ein verstecktes religiöses Symbol ist – Hoffnung und Treue zur Gott.
    LG F

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    W. v Humboldt

  • Im Sommer 1799 besetzten Österreichisch - Russische Verbände Piemont. Der Gotthard war heiß umkämpft. Am 24.9.1799 eroberte Suworoff (Russen) den Pass, zog aber im Oktober wieder ab. Sofort kamen französische Truppen zurück.
    Im Winter 1799/1800 hauste ein französischer Posten auf dem Pass, der das Holzwerk der Passhäuser zur Feuerung verbrauchte und sie als Ruinen zurückliess“ aus: Eidgenössische Postverwaltung (Hrsg.), : Schweizerische Alpenposten - St. Gotthard Poststrasse Andermatt - Airolo, 1931, S. 4


    Zum Zeitpunkt unseres Briefes (26.03.1800) lag also ein französischer Trupp auf dem Gotthard zwischen den befeindeten Österreichern/Russen und der Helvetischen Republik in der Schweiz.

    Damit macht eine französische Zensur auf dem Gotthard sehr viel Sinn und scheint mir durch diesen Brief bewiesen. Die Franzosen öffneten den Brief und vermutlich versiegelte die schweizerische Post den Brief anschließend. Dieser "wilde" französische Trupp hat sich wohl kaum die Mühe für einen weiteren Schutz des Briefgeheimnisses gemacht.


    Es kann vergleichbare Belege nur geben zwischen Oktober 1799 bis Mai 1800. Wer findet den nächsten?


    Die Taxen und wer den Brief auf welcher Strecke beförderte bleibt noch ungeklärt. Meine Spekulation:

    Lago Maggiore - Locarno - Bellinzona - Gotthard - Zürich - Basel

    und die Züricher Gotthardpost funktioniert auch in diesen unruhigen Zeiten?

    Beste Grüße

    Rudolfo

  • Hallo zusammen,


    folgender Brief gehört auch in die Zeit der 100 Tage.



    Geschrieben am 21. März 1815 in Königsberg und fr(ey) Coelln aufgegeben.
    Bevor der Brief in Köln an die Taxis-Post übergeben wurde, durchlief der Brief eine preussische Zensurstelle, kenntlich am rückseitigen Stempel Königl. Preuss. Armee Polizey.


    Der Stempel COLOGNE, hier als Durchgangsstempel verwendet, ist nur für die Jahre 1815/16 belegt.
    Taxiert mit den von früheren Jahren her bekannten 19 Déc.
    Ankunft in Bordeaux am 11. April


    Gruß
    Michael

    Preußen mit Transiten

  • Lieber Michael,
    der von dir gezeigte preußische Zensurstempel wurde lt. Wolter, K.K.: Die Postüberwachung im Raum Aachen - Köln 1794 – 1815, in Philatelie und Postgeschichte Nr. 14, 1971 im Aachen verwendet. !971 waren drei Abschläge dieses Stempels bekannt. Es gibt einen ähnlichen Stempel von Hamburg mit einem "i" in Polizey.
    Den zweiten Belege zeige ich hier - wo ist der dritte?

    Wesel 31.3.1815
    Die ungewöhnliche Leitung des Briefes von Wesel aus über Duisburg (franco Duisburg) spricht für eine schnelle Sperrung aller anderen Postrouten Richtung Frankreich, obwohl mir weiteres Briefmaterial kurz vor oder nach dieser kurzen Periode mit einer anderen Behandlung von Briefen aus Wesel noch unbekannt ist. Die vorderseitige 4
    entspricht eigentlich dem normalen Porto von Wesel bis zum Postaustausch mit Frankreich über Maaseik. Auf jeden Fall ist die Grundlage der Postvertrag Thurn und Taxis mit Frankreich von 1801, angewandt von Thurn und Taxis, die in der Zeit bis zum 1. Juli 1816 die Post auf dem preußischen Gebiet am Rhein betrieben. Der Empfänger bezahlte 18 Déc für einen Brief. Angekommen ist der Brief nach 14 Tagen Laufzeit (inkl. Zensur) am 14. April 1815.

    Liebe Grüße

    Rudolfo

  • Es gibt einen ähnlichen Stempel von Hamburg mit einem "i" in Polizey.

    Hallo die Runde


    Da der Hamburger Stempel angesprochen war, zeige ich hier einen Brief mit diesen Stempel.


    2. Mai in Hamburg geschrieben und kam Bordeaux den 16. Mai an. Kein schlechter Laufzeit trotzdem :)


    Sonst ist bei diesem Brief alles normal.


    Viele Grüsse
    Nils

  • Hallo Freunde


    Auch in Norwegen gab es Postüberwachung während die napoleonischer Krieg.


    Dieser Brief ist 1811 in Christiania geschrieben und nach Bordeaux geschickt. 4. Mai geschrieben und 26. Mai angekommen was eine 22 tagige Laufzeit macht. Also eine normale Laufzeit.


    Die Behörden hat überhaupt nicht versucht die Überwachung zu verstecken, daher findet man rückseitig ein Siegel von Christiania Politikammer. Eine Nachahmung von ursprünglichen Siegel war hier nicht die Rede.
    Die Polizeibehörden hat gar nichts interessantes gefunden, nur Klagen wegen fehlende Umsatz und fehlende Bezahlungen, so man konnte der Brief schnell wieder Loswerden.


    Über die Postüberwachung habe ich nicht viel gefunden und ich hoffe dass ich mal hierzu mehr herausfinden will. Interessant ist es dass der Brief nicht über feindliches Land gehen wollte. Der Laufweg über Schweden, Dänemark und Frankreich waren alle unter Frieden gegen einander. Aber ich glaube wohl dass man von Schweden etwas Angst hatte. Konnte man die Schweden trauen? Offenbar nicht, aber gerade zu dieser Zeit war Schweden von Frankreich gezwungen Krieg gegen die Briten zu führen. Und gezwungene Alliierten soll man auch nicht trauen.


    Viele Grüsse
    Nils

  • Liebe Sammlerfreunde,


    zur Innsbrucker Zensur im Jahr 1800 hat Joachim Helbig in der DBZ Nr.18/2016 vom 19. August 2016 einen sehr interessanten Artikel veröffentlicht, der neueste Informationen aus dem Haus- und Hofarchiv in Wien beinhaltet.


    Beste Grüße von VorphilaBayern

  • Liebe Sammlerfreunde,


    zur Innsbrucker Zensur im Jahr 1800 hat Joachim Helbig in der DBZ Nr.18/2016 vom 19. August 2016 einen sehr interessanten Artikel veröffentlicht, der neueste Informationen aus dem Haus- und Hofarchiv in Wien beinhaltet.
    Hierbei stellt er nur Belege über Innsbruck nach Tirol vor. Ich kann hierzu einen Brief zeigen, der in der Gegenrichtung lief und zwar von Bozen nach Kempten über Innsbruck vom 15. August 1800 mit erneuter Versiegelung.


    Beste Grüße von VorphilaBayern

  • Hallo
    warum eine Waren Versendung von Bologna – durch Spediteur aus Bozen – nach Kempten?
    Worauf achte ich nicht, ich würde diese Weg erst erwarten nachdem Tirol Bayerisch würde...
    LG A

    "Im Grunde sind es doch die Verbindungen mit Menschen, die dem Leben seinen Wert geben."
    W. v Humboldt