Der deutsch-französische Krieg 1870/71

  • Guten Abend Sammlerfreunde,


    zum 28. Oktober 1870 vermeldet das „Zweibrücker Wochenblatt“: Metz hat kapituliert - 130.000 Kriegsgefangene wurden gemacht. Die gesamte französische Operationsarmee, welche bei Ausbruch des Krieges unter Waffen stand befindet sich nun mit Ausnahme des nach Paris geflüchteten Vinoy`schen Korps in deutscher Gefangenschaft. In einer weiteren Kurzmeldung werden noch rd. 20.000 Blessierte und Kranke als in Gefangenschaft geraten erwähnt.


    Unter den Gefangenen befanden sich mehr als 50 Generäle und ca. 6.000 Offiziere. Einer davon war der Adressat des anbei im Dezember 1870 aus Brüssel in die Garnison Zweibrücken gerichteten Briefes, Colonel de l`Artillerie Félix Aimé Protche (1819-1886), der spätere Vizekommandant der dem Verteidigungsministerium unterstellten Pariser École polytechnique.


    http://www.military-photos.com/protche.htm


    Während des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71 war Protche Kommandeur des ca. 2 ½ km nordöstlich von Metz liegenden Fort de Saint Julien, das dort von einer Anhöhe aus zwei wichtige Verkehrsadern Richtung Thionville beherrschte. Er führte die Einrichtung mit äußerster Genauigkeit, sie war hingegen wie alle anderen Festungsbauwerke der Stadt bei der vom 20. August bis zum 27. Oktober 1870 währenden Belagerung nicht aktiv am Kampf beteiligt.


    Lediglich zur Vorbereitung eines Durchbruchversuchs Richtung Noisseville am 31. August hatte der Oberkommandierende der in Metz eingeschlossenen Armée du Rhin Marschall Bazaine aus Fort de Saint Julien eine schwere Batterie zur Verschanzung der Ausfallstraße Richtung Sainte-Barbe abführen lassen, der Angriff wurde jedoch noch am selben Tag abgewehrt.


    Wie ferner zu ermitteln war, bediente sich Protche der eigentlich ersten Luftpost der Welt, d.h. den ungelenken, mit Rizinusöl und Kollodium präparierten Kleinballons des Militiärstabsarztes Dr. Papillon, um den Kontakt mit seiner Ehefrau Joséphine de Viville zu halten. Der Einsatz der nicht selten in Feindeshand gelangten Papierballons (Papillon de Metz) wurde von Marschall Bazaine zeitweise zwar gebilligt, jedoch auf ausschließlich persönliche Korrespondenz beschränkt.


    Was die Truppengattung des kriegsgefangenen Obersten anbelangt, so wurden aus der Festung Metz nach der Kapitulation insgesamt 541 Feldgeschütze, 800 Festungsgeschütze und 102 Mitrailleusen erbeutet. Am 3. November meldet das „Zweibrücker Wochenblatt“ dass lt. Telegramm vom 30. Oktober 19.000 Gefangene aus Metz nach Bayern verbracht werden sollten, am Folgetag, dass rd. 70.000 mit der Bahn Saarbrücken passieren würden.


    Letztendlich wurden rd. 60.000 der in Metz gefangenen Soldaten mit der Eisenbahn nach Süddeutschland transportiert. Die Route führte meist über Ludwigshafen und Mannheim, wo ein Teil derer zum Bau des Mühlauhafens eingesetzt wurden. Ein solche Tätigkeit wird dem Adressaten erspart geblieben sein, denn Offiziere erfuhren als Kriegsgefangene eine gänzlich andere Behandlung.


    Dies wird bspw. an einer zum 8. November 1870 erfolgten Meldung im „Zweibrückener Wochenblatt“ deutlich, wonach ein französischer Offizier krank eingetroffen sei und seine beiden Begleiter „die Stadt besichtigt“ hätten. Ob der erkrankte Offizier der Adressat war, kann man natürlich so nicht sagen, aber die Nachricht gibt einen Hinweis auf die Lebensumstände während der Gefangenschaft.


    Sie waren lt. Verlautbarung des bayerischen Kriegsministeriums vom 18. August 1870 für Offiziere so angenehm wie möglich zu halten. Selbige wohnten zumeist mit ihren Burschen in Hotels oder Privatquartieren, pflegten den Umgang mit Offizieren der Garnison und den Honoratioren der städtischen Gesellschaft. Offiziere bis zum Hauptmann abwärts konnten für sich und ihre Burschen Privatquartiere mieten und bekamen dafür monatlich 25 Taler ausbezahlt, Offiziere niederen Ranges 12 Taler.


    Voraussetzung für das Wohnen in Privatquartieren und das Tragen von Zivilkleidern war, dass man sich durch Ehrenwort verpflichtete, nicht zu fliehen, keinerlei konspirative Aktionen zu betreiben und nur über den Ortskommandanten zu korrespondieren. Mit wem der Adressat aus der belgischen Hauptstadt während seiner Gefangenschaft im Briefaustausch gestanden haben könnte ist z.Z. unklar, möglichweise war es ein Weggefährte aus der Schul- und/oder Militärzeit.


    Viele Grüße

    Vom Pälzer


    verwendete Quellen:

    https://digipress.digitale-sam…newspaper/bsbmult00000485

    https://gw.geneanet.org/garric…protche&oc=0&p=felix+aime

    https://www.rfrajola.com/Metz/MetzBalloonPostOneFrame.pdf

    https://gutenberg.spiegel.de/buch/der-neue-pitaval-4810/7

    http://pierre.bertrand.free.fr…steclaudon/botzenhart.htm

    https://de.wikipedia.org/wiki/Belagerung_von_Metz

  • Hallo Pälzer,


    da hast du schon eine mittlere Atombombe an Land gezogen, das weißt du schon. :P:P:P


    Ob man da jemals einen zweiten findet, halte ich für sehr fraglich. Ein Oberhammer !!!

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo bk,


    ja, das war eine doch recht unerwartete Bereicherung der Sammlung, gibt sogar ein neuen Befund vom BPP Sem dazu. Die verklebten 30 Centimes demnach auch portogerecht. Ein weiterer Neuzugang anbei. Es handelt sich diesmal um eine Postanweisung (erste in der Sammlung überhaupt) aus dem Jahre 1874 an einen Angehörgen des 5. Cheveaulegers-Regiments "Erzherzog Friedrich von Österreich", das seit September 1872 nicht mehr in St. Avold / Lothringen, sondern Forbach / Lothringen garnisoniert war.


    Die Stationierung in Lothringen war eine Folge des Deutsch-Französischen Krieges, denn das Regiment hatte zuvor seinen Stammsitz in Speyer und Zweibrücken. Es war von Anfang an dabei, schon am 16. Juli 1870 (Tag der Kriegserklärung Frankreichs) rückten erste Eskadrons des Kavallerieverbandes zur Grenzüberwachung aus. Es folgten Einsätze bei Wissembourg, Woerth-Froeschwiller, Sedan und die Teilnahme an der Belagerung von Paris.


    Nach dem Krieg war das Regiment bis 22. Mai 1871 Teil der Besatzungsarmee und wurde danach in seine neuen Stammgarnisonen Saargemünd und (zunächst) St. Avold (später Forbach) eingewiesen. Das ursprünglich in Würzburg liegende Depot war im Januar 1871 nach Speyer, ab April 1872 nach Zweibrücken verlegt worden. In den Folgejahren bis 1875 wurden an verschiedenen Orten im Reichsland Elsass-Lothringen Exerzierübungen und Manöver, z.T. mit anderen Bundestruppen abgehalten. Warum und vom wem der Soldat Heinrich Ditel der 1. Eskadron die stolze Summe von 12 Gulden (6 Taler, 25 Sgr, 8 Pfennig) erhielt, kann man leider nicht sagen.


    Während des Krieges waren nach den hier vorliegenden Quellen hauptsächlich Wertbriefe das Mittel zum Geldaustausch, was sich für den im Felde stehenden, seinen Einsatzorte öfters wechselnde Empfänger wohl als am Praktikabelsten erwies und man sich auch fragen muss, ob die Feldpost überhaupt mit genügend finanziellen Mitteln ausgestattet gewesen wäre, um den Postüberweisungsdienst für eine Großzahl von Soldaten des mobilen Feldheers zu bewältigen.


    Man muss sich dazu auch immer wieder vergegenwärtigen, dass der Posttransport in den bereits besetzten Gebieten z.T. alles andere als sicher war, da von Angriffen durch Franktireurs gefährdet. Über die Anzahl von Postanweisungen liegen lt. "Handwörterbuch des Postwesens" (S.232) für den Krieg 70/71 keine genauen Zahlen vor. Hunderte von Postanweisungen gingen dafür nach dem Krieg täglich an französische Gefangene, was sich zusammen mit dem Brief- und Paketaustausch für die Lagerverwaltungen zu einer enormen Belastung ausweitete.


    Viele Grüße

    vom Pälzer


    verwendete Quellen:

    https://de.wikipedia.org/wiki/…_%C3%96sterreich%E2%80%9C

    https://reader.digitale-sammlu…ay/bsb11331726_00203.html

  • Hallo Pälzer,


    jetzt geht es bei dir aber Schlag auf Schlag - schon wieder ein Unikat und ein Schönes obendrein.


    Wenn links auf dem Coupon nichts steht, waren Absender und Empfänger klar, wer das Geld geschickt hat und man brauchte nichts zu schreiben (z. B. Vater an Sohn).


    Oder man wollte nicht haben, dass andere wissen, wer Geld schickt (Mutter an Sohn, Vater sollte nicht mitbekommen, dass die Mutter vlt. Haushaltsgeld abzweigte).


    In 95% der mir bekannten, vollständigen Postanweisungen sind aber die Absender genannt. Allein von daher ist das schon selten und die absolute Ausnahme.


    Weitergeleitete PA sind große Seltenheiten - dazu kommt noch der von dir ausgezeichnet entworfene historische Bezug, womit sich das Wort "Unikat" von oben selbst erklärt.


    Glückwunsch zu dieser Bombe, eine 2. gibt es wohl kaum noch heute.

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo bk,


    besten Dank für die wertvollen Hinweise ! Mit der üblichen Handhabe von Postanweisungen bin ich noch nicht so betraut.


    Dass der Absender unbekannt blieb oder bleiben wollte, könnte der Hinweis darauf sein, dass dem Empfänger Geld für etwas überlassen wurde, das für ihn unangenehm war, z.B. Spiel- oder sonstige Schulden.


    Wenn man das Gehalt eines einfachen Soldaten seinerzeit betrachtet, das waren um die 3 fl / monatlich, dann wären die hier angewiesenen 12 fl, wenn geschuldet, eine schwer zu stemmende Summe gewesen.


    Wenn bspw. Muttern als Tagelöhnerin so ca. 20 - 25 Kr verdient und hier geholfen haben sollte, dann muss sie dafür ca. 1 Monat gearbeitet haben.


    Natürlich könnte es auch sein, dass man das Geld für andere Zwecke benötigt hat, aber wozu ein Soldat am Stationierungsort das 4-fache seines Monatsgehaltes für Anschaffungen gebraucht haben könnte, erschließt sich mir im Moment nicht.


    Was auch noch in Betracht kommt, wäre eine sog. "Morgengabe", die ein Bräutigam an seine Braut vor der Ehelichung entrichtete.


    Viele Grüße

    vom Pälzer

    3 Mal editiert, zuletzt von Pälzer ()

  • Hallo Pälzer,


    aus dem, was ich bisher aus dem privaten Bereich selbst einsehen konnte, sind die Gründe für eine Postanweisung vielschichtig und die Höhe derselben ganz unterschiedlich.


    Mal hätte ein Student gerne 50 Gulden pro Monat, um ein passables Studentenleben zu führen, mal genügten einem einfachen Soldaten 30 Kreuzer, um ab und zu ein Bier mit dem Kameraden genießen zu dürfen, mal gab es eine kleine Erbschaft vom Onkel aus Amerika - das wird man wohl nie mehr heraus finden.


    Mit der Anonymität des Absenders war es allerdings vorbei, wenn die Post dem Empfänger die PA nicht mehr aushändigen konnte. Dann lief sie an den Ort der Aufgabe zurück und die Post hatte sich dann um die Rückabwicklung zu kümmern.


    Aber auf ein solches Stück warten wir beide wohl noch länger, wiewohl es in Kriegs- bzw. Nachkriegszeiten das sicher einiges Male gegeben haben dürfte.

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo Pfälzer,


    der in #661 vorgestellte Kgf-Brief ist um 10 Centimes überfrankiert,

    was ihn nicht schlechter macht. In umgekehrter Richtung betrug

    das Porto 2 Groschen.


    Gruß

    1870/71

  • Hallo pälzer,


    zwischen dem Norddeutschen Bund und Belgien wurde am 29. Mai 1868 ein neuer Postvertrag vereinbart, der am 1. September 1868 in Kraft trat.

    Das Porto für einfache Briefe in die Vertragsstaaten betrug 20 Centimes., nach Belgien hingegen 2 Gr.


    Beste Grüße

    1870/71

  • Guten Morgen 1870/71,


    vielen Dank für den Hinweis auf den 68er - Vertrag, der lt. Zusatzartikel ja auch ausdrücklich für die Süddeutschen Staaten galt. Soweit ich weiß, waren es im Austausch mit Frankreich 30 Centimes. Möglicherweise stand der Absender des Briefes in Brüssel schon vor dem Krieg öfters in Kontakt mit dem Herrn Oberst Protche in Frankreich und meinte nun auch vorliegend 30 Centimes ins Ausland kleben zu müssen, was die Geschichte noch weiter ausbaut. Werde das dann mal so in die Beschreibung mit aufnehmen.


    Grüße

    Pälzer

  • Hallo Pälzer,

    wie du richtig schreibst, betrug das Porto zwischen Belgien und Frankreich

    in beide Richtungen 30 Centimes.

    Das Porto zwischen Belgien und den besetzten französischen Gebieten betrug anfänglich 30 Centimes, ab 5. Januar 1871 20 Centimes. In die umgekehrte Richtung 2 Groschen oder 25 Centimes. Das nur am Rande!

    Gruß

    1870/71

  • Hallo Sammlerfreunde,


    hier einmal ein Beispiel, an dem deutlich wird, was zu Beginn des Krieges schon mal ausgelassen worden ist: Angabe von Aufgabeort, Name, Rang und Einheit sowie ein Aufgabeabschlag. Von einem Feldpostbrief - wie vorderseitig vermerkt - kann eigentlich auch eher weniger die Rede sein. Erst über den Inhalt läßt sich einigermaßen der Hergang der Dinge ermitteln:


    Feldpostbrief

    Fräulein Ida Neumann - per Adr(esse) Fräulein Hold

    Cassel

    Königstrasse 49


    d. 4/8 1870

    Liebe Ida !


    Soeben haben wir das erste aber sehr ? reiche Gefecht bestanden. Ich bin unversehrt trotzdem wir sehr starke Verluste hingegen aber auch sehr viel Gefangene gemacht haben. Theile es meinen Eltern, ? Frl. Hold etc mit. Grüße alle herzlichst, ebenso sei Du herzlich gegrüßt, geküst von Deinem

    F. (?) Heister


    Bei dem Gefecht vom 4.8. kann es sich im Prinzip nur um jenes an der Grenze bei Weissenburg gehandelt haben. Wenn der Verfasser selbst in Kassel stationiert gewesen sein sollte, dann käme für das Gefecht von Weissenburg bspw. das Husaren-Regiment Landgraf Friedrich II. von Hessen-Homburg in Betracht, das dort stationiert war. Es war bei Kriegsausbruch mit der Eisenbahn nach Landau in der Pfalz transportiert und der Kavallerie der 21. Division zugeteilt worden. Es erlitt einige Verluste, da es mitten im Gefecht unter starkem Beschuss feindliche Telegraphenleitungen zerstörte. 5 Tage Beförderungsdauer der offenbar unmittelbar nach dem Gefecht bereits auf französischem Boden bei der Feldpost abgegebenen Karte sind ebenfalls nachvollziehbar.


    Viele Grüße

    vom Pälzer

  • Soeben haben wir das erste aber heise siegreiche Gefecht bestanden. Ich bin unversehrt trotzdem wir sehr starke Verluste hingegen aber auch sehr viel Gefangene gemacht haben. Theile es meinen Eltern, ? Frl. Hold etc mit. Grüße alle herzlichst, ebenso sei Du herzlich gegrüßt, geküst von Deinem

    F. Heister

    Tolles Stück - wieder ein Teil der Geschichte entschlüsselt!

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Liebe Freunde,


    ich danke recht herzlich für die Ergänzungen, manchmal sitzt man da wie der Ochs vorm Berg. Aber bei einer Karte direkt nach einem so grossen Ereignis lohnt es sich wirklich jedem Baustein der Geschichte auf den Grund gegangen zu sein.


    Viele Grüße

    vom Pälzer :thumbup: