Hallo,
dieser als Portobrief von Leipzig am 7.7.66 nach Paris (Ankunft 12.7.66) gesandte Brief -leider ohne Inhalt - gibt mir doch einige Rätsel auf. Der Absender war entweder Handlungsreisender oder Angestellter der in Lörrach ansässigen Firma KB&C (Köchlin, Baumgartner & Cie.) und benutzte mit dem Firmenstempel versehenes Briefpapier.
Warum lief der Brief über Kassel und Mainz? War das in Friedenszeiten der Standardleitweg von Sachsen nach Paris, also via Thurn und Taxis? Ich hätte die Leitung über Preußen (also Hannover oder Kreiensen, Köln, Erquelinnes) erwartet.
Am 7.7.66, wenige Tage nach der Schlacht von Königgrätz und den ersten Gefechten der preußischen Main-Armee gegen die Bayern, war am 6.7. Fulda von den Preußen besetzt worden. Die Main-Weser-Bahn, die Hauptverbindung zwischen Frankfurt und Hannover, war schon seit Ende Juni unterbrochen, als im Rahmen des Hannover-Feldzugs preußische und auch süddeutsche Truppen die Schienen südlich von Kassel aufgerissen hatten, um dem jeweiligen Gegner keine Truppentransporte zu ermöglichen.
Von daher verbot sich eigentlich die Spedierung des Briefs von Leipzig über Erfurt und Eisenach nach Kassel, obwohl diese Verbindung nach der Kapitulation der Hannoveraner am 29.6. sehr schnell wieder instandgesetzt worden war. Umso unverständlicher ist die Leitung von Kassel (2 Stempel vom 9.7.) nach Mainz (11.7.), also über Frankfurt. Wenn dafür also keine Eisenbahn zur Verfügung stand, gab es dann eine Ersatzverbindung per Postkutsche? Ich konnte dazu in der Literatur nichts finden, jedoch ist in verschiedenen Zeitungen der notwendig gewordene Umweg über West- und Süddeutschland zu lesen:
Zeitung des Vereins Deutscher Eisenbahn-Verwaltungen, No. 27 (7.7.66): „Der Verkehr auf der Hessischen Ludwigsbahn über Bingen hinaus, und der Verkehr auf der Nassauischen Bahn wurde, nach Mittheilung aus Köln, am 29. Juni unterbrochen, nachdem Bingen und Oberlahnstein von Preussen besetzt wurden. Der Fahrpostverkehr zwischen Preussen und Süddeutschland, welcher seit dem Ausbruch des Krieges bis jetzt noch über die Route Bingerbrück-Köln vermittelt werden konnte, ist, wie das Amtsblatt der Kgl. Württemberg. Verkehrsanstalten vom 30. Juni mittheilt, nunmehr ganz unterbrochen, und ist der Briefpostverkehr nach und über Preußen derzeit nur noch auf dem Wege über Ludwigshafen und Neunkirchen resp. über Frankreich möglich. Desgleichen macht das Frankfurter Oberpostamt unterm 3. Juli bekannt, dass der Fahrpostverkehr mit Preussen eingestellt sei…“
Wormser Zeitung (8.7.66): „Aus Bingen (4. Juli, wird der Köln. Z. geschrieben): … Eben gehen alle Briefe aus Bingen nach Mainz von hier auf der Rhein-Nahebahn bis Neunkirchen und von da auf der Bexbacher Bahn über Kaiserslautern und Mannheim an ihren nur sechs Stunden entfernten Bestimmungsort. Selbstverständlich sind diesem kolossalen Umwege auch die vom Niederrheine kommenden Correspondenzen nach Mainz, Frankfurt und Süddeutschland unterworfen.“
Die Main-Weser-Bahn wurde nach Einzug der Preußen in Frankfurt erst am 20.7. wieder für den Zivilverkehr freigegeben.
Wußte man in Leipzig nichts von der Sistierung der Main-Weser-Bahn und der Umleitung aller Post über Köln? Zumal der Brief nach Paris und nicht in den Süden ging…
Die weitere Leitung des Briefes von Mainz nach Paris war dann mittels Bahnpost über Worms, Ludwigshafen, Neunkirchen nach Forbach, wo der Austausch mit Frankreich stattfand.
Und last not least – auch die Taxierung gibt mir Rätsel auf. Die in blau angeschriebenen 2 1/3 (Ngr.) dürften den Anteil Sachsens darstellen. Zusätzlich sieht man aber auch handschriftlich 8 und 9 (Decimes?), sowie den französischen Portostempel „6“, der wohl das endgültige Porto widerspiegelt. Für eine differenzierte Erklärung wäre ich sehr dankbar.