Beiträge von mikrokern

    Hallo Pälzer,

    ich sehe das im Grundsatz ganz ähnlich. Allerdings darf man nicht verkennen, dass dies der Bericht eines Einzelnen ist, zumal es sich um einen Musiker (also Non-Kombattanten) handelt, der einem "zaghaften Sattler ohne Weltkenntnis" zugeteilt wurde.

    Bei der Besetzung von Mannheim und Heidelberg und anschließender Einquartierung von preußischen Truppen haben sich ganz andere Szenen abgespielt, als die preußischen "Sieger" beschimpft und von den Einheimischen z.T. handgreiflich attackiert wurden.

    Aschaffenburg d. 18ten Juli 66


    Mein lieber freundlicher Herr Wirth!

    Ein ehrlicher Mann hällt sein Wort, dieß mahnt mich heut an mein Versprechen, Sie von meinem Befinden in Kenntnis zu setzen. Heut kann es grade einmal in aller Gemüthsruhe geschehen, da wir uns hier seit dem gemüthlich schönen Gotha wieder einmal eines Tages behaglicher Ruhe erfreuen. Wie wohl dies den ermatteten halb gefolterten Gliedern thut, kann ich Ihnen kaum beschreiben, ich wundere mich selbst daß man sich nach diesem Gebirgsklettern durch den Thüringerwald sowie Spessardgebirge, bei den Nachtlagern unter Gottes freiem Himmel auf fünf Fuß bloßer Erde sowie dieser unordentlichen Lebensweise wohl befinden kann, ja so wohl daß ich schon heute vor Freuden über diesen Ruhetag dreimal in den Main gesprungen bin. Ich habe hier wieder ein recht nettes Quatir bekommen bei nichts weniger als feindlich gesinnten Leuten, die mir alles verschaffen was ihnen nur möglich, Eier, Wein, was bekanntlich hier im Baierland sehr billig und gut ist, im Überfluß, doch mit meinem Gothaer Quatir kann es sich nicht messen, da mein Wirth ein Sattler nur wenig Weltkenntniß besitzt und nur zittert und verzagt ist über diese Zeiten.

    Nun will ich mich bemühen Ihnen uns’re Marschruthe sowie Gefechte mit den Baiern, soviel ich davon gesehen, zu beschreiben. Von Gotha wo wir den 1ten July ausrückten, kamen wir den zweiten Marschtag durch Eisenach im nächstliegenden Dorfe in Quatir, wodurch wir Gelegenheit fanden den Aufenthalt des großen Mannes Luther die Wartburg zu sehen was uns allen eine ewige Erinnerung sein wird. Den 3ten und 4ten beschwerliche Märsche durch den Thüringerwald bis zur Stadt Längstfeld [=Stadtlengsfeld] wo wir, verschiedene Regimenter, vor der Stadt zur Reserve lagen. Da sich die Baiern nach einem kurzen Gefecht zurückgezogen so marschierten wir ihnen durch Stadt Fulda nach. Den 10ten rückten wir in Baiern ein am Gefechtstage von Kissingen, kamen durch die Stadt Brikenau [Brückenau] bis vor Kissingen um zur Avangarde zu stoßen wenn’s Noth thue, hatten dadurch einen fürchterlichen Marsch und das Gefecht war vor uns’rer Ankunft schon entschieden, die Baiern auf dem Rückzuge, eine Masse Gefang’ner in unsren Händen, die Stadt fürchterlich zerschossen, die Verluste des Feindes über fünftausend, bei uns dreitausend, dies waren die Resultate dieses Tages. Folgenden Tag verbreitete sich das Gerücht daß Baiern um Frieden gebeten was wahrscheinlich war, da wir den Feind liegen ließen um direkt nach Frankfurt zu marschieren, wo aber bei Karlstadt die Bahn, der Telegraph sowie Mainbrücke zerstört wurde um eine etwaige Überfahrung der Baiern zur Bundesarmee [VIII. Bundes-Armeekorps] zu verhindern.

    Den 14ten und 15ten mußte unser Rgt. recognosziren und hatten in dieser fürchterlichen Hitze schreckliche Märsche durch das Spessard-Gebirge wo wir am 16ten das Schlachtfeld bei Aschaffenburg überschritten und in der Stadt Quatir bekamen wo uns heute diese wohlthuende Ruhe vergönnt ist.

    Hier war am 14ten und 15ten wie Sie schon wissen werden das erste Gefecht mit dem 8ten Bundesarmeekorps worunter über 6000 M[ann] Oestreicher stehen, es ist ziemlich bunt hergegangen, die Stadt aber verschont worden da sich die feindliche Armee in wilder Flucht zurückgezogen. Über 2000 oestreichische Gefangene wurden heute von hier nach Preußen befördert. Wohin uns von hier unsere siegreichen Fahnen führen werden ist noch unbekannt, wir hoffen daß die vielen Gerüchte vom Frieden nicht unbegründet sind. Mit herzlichen Grüßen an alle zeichnet sich

    Ihr dankverpflichteter J. Nintwirs

    Sollten Sie mich mit einem Gegenschreiben erfreuen so können Sie es auf meine Adresse:

    J. Nintwirs Hautboist und Unteroffizier im 2ten Schles. Grenad.Rgt. No 11, Corps Manteufel


    Einheiten des 2. Schlesische Grenadier-Regiments No. 11 (Oberst v. Zglinitzki) im Manteuffel’schen Korps hatten am Gefecht von Langensalza (27.6.1866) gegen die hannöversche Armee teilgenommen. Der Schreiber des Briefes, ein Regiments-Militärmusiker (Hautboist), war danach für einige Tage bei einem Lehrer in Gotha einquartiert worden, um am 1.7.1866 mit seinem Regiment der bayerischen Armee entgegenzumarschieren. Am 4.7. kam es in der Rhön bei Dermbach, Wiesenthal und Roßdorf zu einigen Gefechten mit den Bayern, an denen das 11. IR aber nicht beteiligt war. Bei den Gefechten von Kissingen und Hammelburg am 10.7. kam das Regiment ebenfalls nicht zum Kampfeinsatz und zog am 11.7. mit der Division Manteuffel dem VIII. Bundeskorps Richtung Frankfurt entgegen. Auch an den Gefechten von Laufach und Aschaffenburg am 13. und 14.7. war es nicht beteiligt und besetzte Aschaffenburg am 16.7.1866, wo es bis zum 20.7. in Ruhestellung verblieb, um am 21.7. den Marsch durch den Odenwald über Laudenbach nach Miltenberg (22.7.) anzutreten.

    Der Oberbefehlshaber über die Mainarmee, General Vogel von Falckenstein, war am 18.7.1866 von seinem bisherigen Kommando entbunden und zum Gouverneur von Böhmen ernannt worden. Zu seinem Nachfolger wurde General von Manteuffel ernannt, dessen Nachfolge als Oberbefehlshaber über die Division jetzt General von Flies antrat.

    Der am 18.7. in Aschaffenburg geschriebene Brief wurde erst am 22.7. (in Laudenbach oder Miltenberg) bei der Feldpostexpedition der Division Flies aufgegeben. Vielleicht hatte ihn der Schreiber für einige Tage vergessen oder nicht vollständig beendet, oder aber die FPE der Division hat den Brief erst am 22.7. bearbeitet.

    In der Folge kam das 11. IR noch am 26.7.66 beim Gefecht von Uettingen gegen die Bayern zum Einsatz, wobei der „Hautboist“ wohl kaum von den Kampfhandlungen betroffen war.


    Einige Anmerkungen zu den vom Schreiber des Briefes gemachten Aussagen:

    • Seine Angaben zu den Verlusten bei den Gefechten vom 10.7.66 sind sicher deutlich zu hoch gegriffen und eher einer beabsichtigten Dramaturgie seines Berichts vom Feldzug geschuldet; in der Literatur ([1], [2]) werden weniger als 1000 Tote, Verwundete, Vermisste und Gefangene für Preußen und weniger als 1500 für Bayern angegeben.
    • Auch die Annahme, dass Bayern um Frieden gebeten hätte, weil die Mainarmee am 11.7. von der bayerischen Armee vor Schweinfurt abgelassen und eine Kehrtwende vollzogen hatte und Richtung Frankfurt marschiert war, ist nicht richtig. Dies hatte politische Gründe:

    „Auf Veranlassung des Minister-Präsidenten [Otto von Bismarck] wurde daher dem General v. Falckenstein telegraphiert: „… Faktische Occupation der Länder nördlich des Mains für voraussichtliche Verhandlungen auf status quo jetzt politisch wichtig.“ Das weitere Vorgehen gegen Schweinfurt [wo sich die bayerische Armee versammelt hatte] war unstreitig das militairisch Richtige, aber wie im Beginn so am Ende der Feldzüge müssen die militairischen sich den politischen Rücksichten unterordnen.“ (aus [1])

    • Die Angabe „… da wir den Feind liegen ließen um direkt nach Frankfurt zu marschieren, wo aber bei Karlstadt die Bahn, der Telegraph sowie Mainbrücke zerstört wurde um eine etwaige Überfahrung der Baiern zur Bundesarmee zu verhindern...“ suggeriert die Urheberschaft der Zerstörung der Infrastruktur durch die Preußen mit dem Ziel, eine Vereinigung der Bayern mit dem VIII. Bundeskorps zu verhindern. Tatsächlich war der preußischen Main-Armee aber daran gelegen, möglichst intakte Eisenbahnen und Brücken für einen schnellen Vormarsch nutzen zu können. Es lag vielmehr im Interesse der Bayern, den preußischen Vormarsch so beschwerlich wie möglich zu machen. Dazu auch folgende Zeitungsmeldungen:

    Neue Würzburger Zeitung (12.7.66): „(Würzburg 11.Juli) Zwischen Lohr und Partenstein haben die württembergischen Truppen die Schienen aufgerissen“.

    Neue Würzburger Zeitung (14.7.66): „(Gemünden, 13. Juli) Gestern marschirte der Feind in einer Stärke von ca. 18,000 Mann ins Mainthal, überschritt heute den Main zwischen Karlstadt und Wernfeld und stand zuletzt in Marktheidenfeld…

    Die Preußen haben sich sicher nicht der Mainbrücke bei Karlstadt beraubt, um dann den Main einige Kilometer mainabwärts zu überqueren.


    Literatur:

    [1] Der Feldzug von 1866 in Deutschland. Redigiert von der kriegsgeschichtlichen Abtheilung des Großen Generalstabes. E.S. Mittler und Sohn, Berlin 1867.

    [2] T. Fontane: Der deutsche Krieg von 1866. Band 2: Der Feldzug in West- und Mitteldeutschland. Verlag Rockstuhl, 2009.

    Hallo Will,

    ja, das macht so Sinn, wenn man unter dem "Überfall" einen Vorstoß (Ausfall) über den Main zwecks Vereinigung mit dem VIII. Bundeskorps versteht.

    Im übrigen bin ich jetzt fertig mit der Beschreibung des Briefes, sie ist gleich an entsprechender Stelle im 66er thread zu finden...

    Liebe Detektive,

    ganz herzlichen Dank für eure Mithilfe bei der Entschlüsselung der Knacknuss!

    Ich muss euch - was die Vorstellung des ganzen Briefes betrifft - noch etwas vertrösten, da ich mit der vollständigen Transkription und Darstellung des historischen Kontextes noch nicht ganz fertig bin.

    Zum anfüttern aber hier noch der ganze Satz mit dem fraglichen Wort:

    Folgenden Tag verbreitete sich das Gerücht daß Baiern um Frieden gebeten was wahrscheinlich war, da wir den Feind liegen ließen um direkt nach Frankfurt zu marschieren, wo aber bei Karlstadt die Bahn, der Telegraph sowie Mainbrücke zerstört wurde um einen etwaigen Ueberfahrung(?) der Baiern zur Bundesarmee [VIII. Bundes-Armeekorps] zu verhindern.

    Hallo,

    habe eine Frage zur Behandlung der Briefpost für den Leitweg Köln-Wien Mitte der 60er Jahre des 19. Jahrhunderts.

    Wenn man von der Leitung Köln-Frankfurt-Würzburg-Passau-Wien ausgeht, wie wurde kartiert und wo sollte man einen Durchgangsstempel auf dem Brief erwarten? Hat Köln direkt mit Wien kartiert, sodass alles im geschlossenen Transit ohne weitere Stempel (durch TuT und Bayern) erfolgte?

    Oder wurde der für Wien bestimmte Postbeutel nach Übergabe in Frankfurt geöffnet, durchgangsgestempelt und ab da geschlossen nach Wien befördert?

    Wenn dies letztere der Fall sein sollte - hat Frankfurt häufiger mal keinen Durchgangsstempel abgeschlagen?

    Hallo,

    hab im Forum einen Brief von Saarbrücken nach Frankreich von 1858 gefunden (post #46):

    Poste restante

    Der P.D sieht schon anders aus als auf meinem Brief und denen aus Worms und Pfeddersheim. Die Wahrscheinlichkeit für Taxis'schen Ursprung steigt damit!

    Für mich sind Worms, Darmstadt und - theoretisch bei Weiterleitung via Heidelberg-Darmstadt auch noch Frankfurt - als Kontrollstellen für P.D denkbar, wenn man eine taxis'sche Poststelle in der Nähe des Aufgabeortes Hildburghausen (z.B. Coburg) ausschließen kann. Wenn sicher ist, dass sowohl Darmstadt wie auch Worms im Kartenschluß mit Forbach für Frankreich standen, dann ist das wohl erstmal der Weisheit letzter Schluss, ohne das Rätsel vollständig lösen zu können.

    Vielen Dank, Ralph, das machts wieder ein Stück verständlicher.

    Also kann der P.D-Stempel auch nicht preußischen Ursprungs (Saarbrücken) sein, sondern muss zwangsläufig von TuT stammen, da es sich um deren Briefbeutel/Post handelte?

    Hallo,

    wie muss ich mir den Vorgang dann genau vorstellen?

    In Hildburghausen bei TuT aufgegeben und im Beutel mit Fahne Frankfurt abgeschickt (da am 10.7. noch keine Sistierung der Strecke Würzburg-Frankfurt vorlag). Die bayerische Post in WÜ konnte dann - nach wenigstens 2 Tagen umständlichen Transportes aufgrund der lokalen Kriegssituation - nicht direkt nach Frankfurt verschicken, sondern musste über Osterburken-Mosbach-Heidelberg leiten. War der Post in WÜ bekannt, dass der Postbeutel Briefe nach Frankreich enthielt, die kriegsbedingt via Worms kartiert werden mussten, oder haben das die dortigen Postler nicht sehen können, und Frankfurt als das für sie relevante Ziel angenommen?

    Und dann später, in Heidelberg, oder Mannheim, oder Ludwigshafen: wer hat dann wo genau entschieden, den Beutel statt nach Frankfurt nach Worms zu leiten, um ihn dort zu öffnen, P.D zu checken und die für Frankreich bestimmten Briefe als Teilmenge wieder zurück zu senden?

    Die Details des Transportes und der postalischen Behandlung erschließen sich mir noch nicht vollständig, bitte dafür um Nachsicht...

    Lieber Ralph,

    das setzt voraus, dass in Schweinfurt oder Würzburg Post aus TT mit Destination Frankreich strikt getrennt von dort zusammenlaufenden, bayerischen Briefen nach Frankreich spediert wurden, erstere mit Beutelfahne "Worms" letztere mit "Ludwigshafen". Also nach Aufgabepost separierte Beutel, mit Angabe des jeweiligen Zwischenziels der jeweiligen Postverwaltung, trotz gleichem Ziel. Wirklich?

    ... wie schon gesagt: im TT-Frankreich-thread TT - Frankreich

    gibts unter post #10 und #13 Briefe aus Worms und Pfeddersheim (meinem Heimatdorf :-) nach Frankreich. Aus 1866 bzw. 1863. Mit einem SEHR ähnlichen P.D-Stempel.

    Aber die Leitung von Briefen von LU nach WO und zurück, nur zur Kontrolle der Frankatur, ist doch grotesk...

    Hallo,

    dies hier habe ich noch gefunden:

    Coburg hatte eine Militärkonvention mit Preußen abgeschlossen. Seine Nachbarländer Bayern und Meiningen standen im Österreichischen Lager. Coburg war somit von allen Seiten von "Feindesland" umgeben. Die Verbindung mit Gotha auf dem Landweg war durch Meiningen unterbunden. In der kritischen Zeit befand sich Herzog Ernst II. mit dem Coburger Kontingent in Gotha, nachdem er das "rollende Material" der Werrabahn mit nach Gotha geschafft hatte, damit es den Bayern nicht in die Hände fiel. Die anrückenden Bayern mussten also nach Coburg marschieren und konnten nicht die Eisenbahn in Anspruch nehmen. Am 2. Juli 1866 besetzte das 2. Bataillon des 6. Bayerischen Infanterie Regiments Coburg, hat jedoch die Stadt bereits am 6. Juli wieder verlassen. Bevor jedoch das abziehende Bataillon die Stadt Lichtenfels erreichte, bekam es Gegenbefehl und macht auf der Straße kehrt, um wieder in Coburg einzuziehen. Sowohl der Ausmarsch wie auch der Einmarsch in Coburg war ein äußerst gemütlicher, indem die Soldaten wie Stadtbewohner unter reichlichem Zuspruch des Coburger Bieres herzlichen Abschied genommen hatten, um schon nach wenigen Stunden eine Freude des Wiedersehens zu feiern. Es ist deshalb festzustellen, dass zwischen Coburgern und Bayern, trotz Krieg, die menschlichen Beziehungen sehr herzlich gewesen sein müssen.

    (aus: https://ulrich-goepfert.de/ind…-die-besetzung-von-coburg)

    Coburg im Herzogtum Sachsen-Coburg-Gotha hatte sicherlich eine bedeutendere PE als Meiningen oder Hildburghausen. Vielleicht wurde der Brief am 10.7., als die mit Sachsen-Meiningen verbündeten Bayern Coburg besetzt hielten, zunächst per Postwagen dorthin gebracht, von der taxis'schen PE kontrolliert und P.D gestempelt, um danach per Eisenbahn über Bamberg nach Würzburg transportiert zu werden. Ab da wie vorher beschrieben, aber halt schon P.D-gestempelt.

    Hallo Nils,

    auch Worms liegt zu weit im Norden, als dass man den Brief von Ludwigshafen zur "P.D-Inspektion" dorthin und dann wieder zurück geleitet hätte.

    Erhellend wäre jetzt ein Brief von Saarbrücken über Forbach nach Frankreich mit P.D-Stempel...