Der deutsch-französische Krieg 1870/71

  • ... in jedem Fall ein außergewöhnliches Dokument in perfekter Erhaltung, das schon allein dadurch massiv an Wert gewinnt, weil wir uns hier über Inhalt und Folgen mit ihm beschäftigen.

    Noch vor einem Krieg, das wäre heute nicht anders, herrscht immer ein mehr, oder weniger gut organisiertes Chaos. Fände man alle, oder zumindest zahlreiche dieser Depeschen, von denen es ohne Ende gegeben haben musste, könnte man sich ein genaueres Bild der Lage machen.


    So wird Tim wohl Recht haben - der Überlastung der einen Strecke folgte die steigende Belastung einer anderen. Wohl dem, der solches so früh zeigen kann (mir ist aus dem Raum Bayern nichts früheres bekannt!). :thumbup::thumbup::thumbup:

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo zusammen,


    dann auch von hier aus wieder einmal eine Depesche. Am 13. April 1870 hatte man die Bahnstrecke Winden - Bergzabern eingeweiht...eingleisig. Wenige Wochen später wurde sie vom 23. Juli - 14. August 1870 in der Hochphase der grenznahen Gefechte des Krieges 70/71 für den Zivilverkehr zum Abtransport von Verwundeten gesperrt. Am 11. August ließ der in Bergzabern verantwortliche Bezirksarzt folgende Depesche an die für die Zugeinteilung zuständige Bandirektion in Ludwigshafen ergehen:


    Aufgegeben Bergzabern den 11. um 9.30 Vormittag - Angekommen Ludwigshafen 12.35 Nachmittag


    Bahndirektion Ludwigshafen


    In Carlsruhe stehen zwei zum Transport Verwundeter eingerichtete Züge. Bitte es möglich zu machen, dass dieselben nach Sulz gelangen gelangen. Bezirksamt Bergzabern Medicus


    Vielleicht ist der blaue Wachsstift-Haken dann die Bestätigung der Ausführung durch die Bahndirection gewesen.


    In Sulz (Soultz-sous-Forêts / Frankreich) war nach der Schlacht von Woerth-Froeschwiller ein großes, z.T. aber improvisiertes Feldlazareth angelegt worden, das mehr als genug Schwer- und Schwerstverwundete zu versorgen hatte. Auch das notwendige Sanitätspersonal und -material war dort nicht in ausreichenden Umfang vorhanden, so dass die hinlänglich zum Transport befähigten Verwundenten zur Entlastung der angespannten Lage so schnell wie möglich zurück geführt und auf weiter zurück liegende Spitäler verteilt werden mussten.


    Viele Grüße

    vom Pälzer

  • Hallo Ralph,


    jetzt mal was eher "goldiges" von der damaligen Eisenbahntechnik auf einem anderen Depeschenformular:


    Bahn-Depesche

    Abgangsstation Winden 8.8.1870 - 1 Uhr 55 Nachmittags


    An die Direction (in Ludwigshafen)


    Für den Fall, dass morgen die novartenden (~ neuartigen) Maschinen der Cöln-Mindener und Württemberger Bahn eintreffen, bitt ich dringend Herrn Braun zu beauftragen, mir einige unserer Gütermaschinen hierher zu senden, da ich nicht weiß, ob die novartenden Maschinen ebenfalls zu schwer sind, um der Schienenbrücke halber die Strecke Winden - Maxau befahren zu können. Die beiden Maxau-Ufer stehen voller Proviantwagen, ohne dass es mir bis jetzt möglich war, Maschinen zur Weiterbeförderung zu erhalten.


    Millet


    Klare Sache, angesprochen war die eingleisige, insgesamt 362 m lange Eisenbahn-Schiffsbrücke über den Rhein zwischen Maxau und Maximiliansau. Auch deren Tragfähigkeit war begrenzt. Der 240 m lange, auf 34 Pontons gestützte schwimmende Teil hatte eine Höchsttraglast von 101 Tonnen. Das erlaubte die Überfahrt mit einer nur leichten Lokomotive, 5 Waggons sowie 2 Lastwagen. Unter dem Gewicht senkten sich die Pontons ca. 20 cm tiefer in den Strom, so dass die Überfahrt wie auf einer Welle erfolgte. Ich hoffe das mit dem "novartend" richtig transcribiert zu haben, aber was anderes leuchtet mir im Moment nicht ein.


    Viele Grüße !

    Tim


    PS: Die sich erkennbar zuspitzende Problematik mit den Proviantzügen kommt in weiteren, mir vorliegenden Depeschen noch deutlicher zur Sprache.


    verwendete Quelle:

    http://www.pfortz-maximiliansa…uecke/Schiffsbruecke.html

  • Hallo Tim,


    hoch interessant, aber ich lese das auch so. Wird wohl 1870 "modernes " Deutsch gewesen sein ...

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo Dieter,


    und ich staune immer, auf welch vielfältige Weise unsere "Geschichten live" auf die dazu dokumentierte passt. Und auch hallo an Ralph, ich komme dann anbei wie angekündigt zu dem Provianttransportproblem:


    Aufgegeben Germersheim den 12.08. um 11 Uhr Vormittag

    Angekommen Landau den 12.08. um 12.30 Vormittag


    Etappen-Hauptorts-Commando Germersheim des II. Armee-Corps an den Director der pfälzischen Eisenbahn Herrn Mahla in Landau: Der Transport auf den pfälzischen Bahnen ist derartig gestört, dass Proviantsendungen für die bayerische Armee eine Unmöglichkeit darauf sind. Ich stelle das Ersuchen, alle irgend möglichen Mittel anzuwenden diesen Übelstand abzuhelfen.


    A.b. von Kramer Oberlieutenant Adjudant


    b.m. vom Hl. Präsident Mahla dem gehors. Unterzeichneten übergeben worden, im Abzuge per Drahth mitgetheilt. Original unter Couvert. 12.VIII.70 - DieBahnhofsverwaltung -Pnachl



    Wenn man nun bedenkt, dass nicht nur das bayerische II. Armeekorps auf weitere Proviantlieferungen angewiesen war, sondern auch die badischen, preussischen und württembergischen Einheiten der III. Armee, dass jenen auch über immer weitere Strecken hinweg Waffen, Ausrüstung, Pferde und Munition etc. nachgeliefert und zwischen alledem permanent Verwundetentransporte abgewickelt werden mussten, dann kann man sich denken, was das insbesondere auf den eingleisigen Strecken für ein Chaos war.


    Proviant zu entladen war dabei besonders arbeits- und zeitaufwändig, es fehlte an den im Wesentlichen nur für den zivilen Personentransport und für einen lokalen = überschaubaren Gütertransport ausgebauten Bahnhöfen vielfach an Nebengleisen. Insofern blockierten Proviantzüge bis zu ihrer Entladung teilweise sogar die Hauptstrecken, waren also Fluch und Segen zugleich.


    Das Militär scherte sich teilweise nicht, um selbst mal beim Ein- und Ausladen oder beim Gleisausbau anzupacken, meinte aber über alles allein das Kommando führen zu dürfen. Aber auch da bestand oft genug Uneinigkeit. Vielfach verdarb die Ware, weil sich andere Militärtransporte mit dahinter stehend höherer Befehlsgewalt und Dringlichkeit durchsetzen konnten.


    Dies geschah manchmal auch im Sinne der Sache, vielfach aber auch nicht. Moltke sprach dazu zwar dann einmal ein Machtwort, welches besagte, dass letztendlich immer allein das Militär an der Front zu entscheiden habe, für welche Transporte die zuständige Eisenbahndirektion die Priorität zu setzen hatte. Aber auch das hat noch länger gebraucht, bis es in der Tat gegriffen hat. Die Infrastruktur gab es anfangs schlicht nicht her.


    Viele Grüße

    Tim

  • Hallu Tim,


    als eher Unterfeldtranscribator lese ich schon einmal .........verwaltung

    Vielleicht hilft das schon einmal weiter.


    Grüße aus Frankfurt

    Heribert

  • Hallo Heribert,


    prima, o-zapft is ! :thumbup:


    Und natürlich ist es eine ganz besondere Ehre und Freude, die anbei aus der ex Wilfried Berger-Sammlung stammende, sehr frühe Feldpostkarte hier vorstellen zu dürfen. Das "sehr früh" läßt sich u.a. daran erkennen, dass die Karte schier unglaublicherweise noch am Tag der Aufgabe, dem 28. Juli 1870 den rd. 350 km langen Weg vom südpfälzischen Gleisweiler nach Coburg gefunden hat.


    Das war nur wenige Tage später dann vollkommen undenkbar. Der Verfasser, Seconde Lieutenant Wilhelm Sommer, welcher vom Landwehr Batallion Gotha zur 12. Kompanie des Füsilier Batallions im 6. Thüringischen Infanterie-Regiment Nr. 95 (Stammgarnison Coburg) berufen wurde, schreibt an seine Angehörigen daheim:


    Feldpostbrief

    Lieutenant Sommer 95. Regiment


    Herrn Stadtcassier Friedrich Sommer

    Coburg - Metzgergasse


    Lieber Vater u. Schwester,

    Eurem Wunsch und meinem Bedürfnis folgend, theile ich Euch hierdurch mit, dass ich nach ununterbrochener Fahrt über Darmstadt, Mainz, Ludwigshafen, Worms, Landau mit den Waffengenossen in der bayerischen Pfalz glücklich angelangt bin. Die Begeisterung, mit der wir hier überall empfangen werden, die Fürsorge, die man uns erweist, die Opferbereitwilligkeit, welcher aller Orten sich bekundete, wirkte erhebend auf alle zum Kampf für deutsches Recht Berufenen. Mit Jubel begrüßten wir den schönen deutschen Rhein, den sie nicht haben sollen ! Fritz u. Peter befinden sich gut u. bitten die Ihrigen zu grüßen.

    Nun lebt wohl.

    Vertrauet auf Gott !

    Euer Wilhelm


    Das der 43. Brigade der 22. Division im 11. Armee-Cops der III. Armee unterstellte Regiment hatte am 16. Juli 1870 um 7.30 Uhr den Befehl zur planmäßigen Mobilisierung erhalten. Es gehörte zu jenen Einheiten, die damit der offiziellen Kriegserklärung Frankreichs drei Tage zuvorkamen, was sich wie man heute weiss als militärstrategisch vorteilhaft erwiesen hat.


    Ausschiffungspunkt war Landau in der Pfalz, das nach 45 Stunden Fahrt früh morgens am 27. Juli erreicht wurde. Die anfänglich in der Festung bezogenen Quartiere mussten kurz danach wieder verlassen und im Raum Hördt / Rülzheim ins Biwak gegangen werden. Bis zum 2. August wurde dort Angriffsübungen abgehalten, dann erfolgte der Vormarsch gegen Frankreich. Am 3. August marschierte man über Herxheim nach Insheim und bezog im offenem Feld ein letztes Mal auf deutschen Boden Biwak.


    Am 4. August um 3 Uhr früh brach man im strömenden Regen auf und ging über Steinweiler, Winden, Minfeld, Freckenfeld und Schaidt auf Wissembourg, musste dort am Nachmittag völlig erschöpft eingetroffen aber nicht mehr in das schon den ganzen Tag über laufende Gefecht eingreifen. Das war erst am 6. August in Woerth-Froeschwiller der Fall, wo heute noch ein Denkmal des Regiments steht.


    Viele Grüße

    Tim

  • ... Deutsches Recht Berufenen ... könnte es heißen.


    Tolles Stück, wie alles aus dem Juli 1870 sehr, sehr selten ist.

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus