Unzureichend frankierter Brief aus GB nach Schweden aus 1870

  • Hallo zusammen,

    ich versuche momentan einen unzureichend frankierten Brief aus 1870 von London nach Carlskrona in Schweden zu interpretieren. Meine bisherige Briefbeschreibung folgt.

    17.02.1870 – Unzureichend frankierter Brief aus London via Dänemark nach Carlskrona

    Die Briefgebühr lag bei 6d pro Gewichtsstufe. Dieser Brief wog offenbar mehr als eine halbe Unze, weshalb er zur zweiten Gewichtsstufe gehörte, und wurde bereits in London als unterfrankiert erkannt. Er erhielt daher den Stempel INSUFFIENTLY STAMPED. Die Regel für unzureichend frankierte Briefe besagte, dass die Frankatur anzurechnen war und zu dem Fehlbetrag eine Strafgebühr von 2d zu erheben war. Die Verrechnung für unzureichend frankierte Briefe wurde durch Dänemark vorgenommen.

    In Dänemark wurden fälschlicherweise zunächst 38 rbs als Strafgebühr notiert. In Schweden rechnete der Beamte die 38 rbs in 75 sk.bco um, erkannte dann jedoch, dass dies der falsche Betrag war und notierte 60 sk.bco, die er in rot als 29 rbs notierte.


    • Ein Brief der zweiten Gewichtsstufe = 12d Franko
    • Frankiert waren 8d, somit ein Defizit von 4d
    • Von Dänemark und Schweden anerkannt jedoch nur 6d
    • Strafgebühr = 2d
    • Somit vom Empfänger als Nachgebühr gefordert = 8d = 60 Öre = 29rbs

    Der Beamte in London rechnete interessanterweise die frankierten 8d komplett an, denn, wenn der Brief lediglich mit 6d frankiert gewesen wäre, hätten GB 4d von der Nachgebühr zugestanden. Er notierte jedoch lediglich eine schwarze "2" = 2d als britischen Anteil am Nachporto.

    Offenbar war die Adresse nicht korrekt notiert, weshalb der Brief schließlich zum Absender zurück gesandt wurde (handschriftlich “Retour“).


    Meine offenen Fragen sind:

    Warum und von wem wurden die Taxierungen 75 sk.bco und 38 rbs notiert? Sie waren eindeutig nicht korrekt, aber vielleicht hat ja jemand eine Idee, wie es zu diesen Notierungen kommen konnte.

    Was ist die Bdeutung der "1870" auf der Rückseite des Briefs? Es sieht so aus, als ob diese Zahl mit dem gleichen Stift wie die "29" (rbs) auf der Briefvorderseite notiert wurde. Eigentlich vermute ich ja, dass diese Zahl überhaupt nicht von einem Postbeamten notiert wurde und lediglich das Versandjahr angibt. Aber vielleicht liege ich ja auch völlig falsch.

    Für Anregungen wäre ich dankbar.


    Viele Grüße


    Theo

  • Hallo belgischerriese,


    bei diesem seltenen unterfrankierten Brief gab es keine Strafgebühr in Höhe von 2d. Die Moubrays haben das in ihrem Buch in den Gebührentabellen für solche Briefe zwar so aufgeführt, allerdings wurde diese nicht fix, sondern gewichtsabhängig erhoben. Das stimmt zwar rechnerisch, steht aber so nicht in den Primärquellen.


    Zum Zeitpunkt des Briefes (1870) galt Franko 6d und Porto 8d (Differenz 2d!) und es wurde gerechnet:

    Unterfrankiert = Unfrankiert - Wert der verklebten Marken

    Das bedeutet also bei diesem Brief: 2 x 8d - 8d = 8d (bzw. 60 Öre bzw. 29 rbs).


    Bei der internen Aufteilung bin ich mir nicht sicher, aber ich meine, dass GB im Portofall 4d je Brief bzw. Gewichtsstufe erhalten haben muss (analog 3d bei Franko). Wenn dem so ist, dann hatte GB ja seinen Anteil am Brief schon durch die verklebten Marken erhalten.


    Zu Deinen offenen Fragen könnte ich nur spekulieren.


    Viele Grüße,

    nitram

  • Hallo die Runde

    Der Brif war auch von Karlskrona nach Nora weiter geschickt und dann von dort aus retourniert, wie ich es sehe. Das erklärt der rückseitigen Stempel von Kristianstad 28. Februar.


    Dann war das Porto von 60 zu 75 Öre gestiegen. Nehme dann an dass die 75 Öre wieder gestrichen ist weil die Weitersendung keine Portoerhöhung gefordert hatte.

    Die 38 unten links kann ich auch nicht erklären.


    Die Empfängerin hat eben ein Kind bekommen, der später berühmte Mathematiker Helge von Koch.

    https://de.wikipedia.org/wiki/Helge_von_Koch


    Viele Grüsse

    Nils

    Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist in der Praxis grösser als in der Theorie.

  • Hallo Freunde


    Ich habe hier eine Drucksache die auch unzureichend frankiert war. Diese Drucksache ist nicht ganz vollständig erhalten, aber ich glaube dass man die Drucksache trotzdem einigermassen gut beschreiben kann.

    Wahrscheinlich in März 1867 abgegeben. Es gibt keine andere Hinweise zu Datum ausser was die Drucksache selbst nennt. Aber diese Drucksachen hatten meist Wert wenn die relativ frisch gedruckt waren.

    Die Drucksache war mit 2 Pence bezahlt; es heißt dass die Drucksache für die Leitung über Ostende und Dänemark nach Kalmar in südlichen Schweden. Die Drucksache war offenbar etwas schwerer und lag in die 2. Gewichtsstufe. Dafür hat Grossbritannien noch 4 Pence verlangt wovon 2 Pence war für den 2. Gewichtsstufe und 2 Pence war ein Strafgebühr.


    Daher musste der Empfänger 32 Öre bezahlen. Davon hat Schweden 14 RBS an Dänemark weiter gegeben.


    Gern sehe ich Kommentare zu die Beschreibung. Neues Land für mich, aber mit sehr guten Hilfe von dem Buch von Theo Brauers und Erich Kirschneck; Briefverkehr vom Vereinigten Königreich nach Skandinavien vor Juli 1875, glaube ich dass ich auf den Spur bin.


    Viele Grüsse

    Nils

  • Hallo Nils,


    sehr schön - interessant auch, dass es überhaupt unterfrankierte Drucksachen gab - bei AD gab es das nicht, wenn da eine DS unterfrankiert war, wurde sie taxiert wie ein unfrankierter Brief mit Abzug der Marken. Da waren GB und die nordischen Staaten wohl großzügiger.

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo Ralph


    Auf diese Lösung habe ich auch gedacht und es ist vielleicht aus so. Aber ich verstehe dann nicht die Gebühre. Mit mein wissen passt es nicht anders. Gut dass es Leute gibt die mehr weiss und vielleicht mitliest :)


    Viele Grüsse

    Nils

    Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist in der Praxis grösser als in der Theorie.

  • Hallo Nils,


    die meisten Länder haben es wohl so gemacht, wie du es geschrieben hast, also den Status der günstigen DS belassen, auch wenn sie unterfrankiert war. Von daher denke ich auch, dass du Recht hast.


    Aber es gibt hier ja sicher Experten, die das wissen. In jedem Fall ist eine unterfrankierte DS selten und deine ist noch schön dazu. :)

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo Nils,


    laut dem britischen Post Office Guide von 1867 kostete eine Drucksache von GB nach Schweden via Belgien und Dänemark 2d. Die Obergrenze für das Gewicht lag bei 1/2 Unze. Ich habe das gerade nochmal im Post Office Guide nachgeschaut.

    Aus meiner Sicht gibt es nun zwei Möglichkeiten. Die erste Möglichkeit wäre, dass die Drucksache tatsächlich mehr als 1/2 Unze gewogen hat. Dann wäre sie um 2d unterfrankiert gewesen. Somit wären 2d für die zweite Gewichtsstufe plus 2d Strafgebühr angefallen. Diese sind ja auch durch den Stempel 4d dokumeniert.

    Allerdings finde ich diese Möglichkeit ziemlich ungewöhnlich. Die Firmen versandten ja die Circulars an Dutzende, oft auch hunderte Geschäftspartner. Wenn die Drucksache tatsächlich schwerer als eine halbe Unze war, hätten alle Empfänger ein Strafporto zahlen müssen.

    Eine andere Alternative, die zwar auch sehr ungewöhnlich wäre, die ich aber nicht ausschließen würde, betrifft die Formulierung "Registered for Transmisson Abroad". Diese ist ja auf der Drucksache zu lesen. Bei Drucksachen funktionierte der verbilligte Versand nur dann, wenn diese auch tatsächlich bei der Post für einen Versand ins Ausland registriert war. Möglicherweise war aber genau das vom Absender versäumt worden. In diesem Fall wäre die Drucksache wie eine unregistrierte Zeitung behandelt worden. Auf dem Weg über Belgien und Dänemark hätte die Gebühr dann 4d bis zu einem Gewicht von 4 Unzen betragen. Auch in diesem Fall wäre die Drucksache um 2d unterfrankiert gewesen, allerdings nicht wegen des Gewichts sondern wegen der nicht erfolgten Registrierung. Es wären wieder 2d für die zuwenig erfolgte Frankatur plus 2d Strafgebühr angefallen, also auch hier 4d.

    4d entsprechen in etwa 32 Öre. Die Dänen notierten 14 rbs, was ebenfalls 4d entspricht.


    Ich hoffe, dies hilft dir weiter.


    Es ist allerdings sehr schade, dass die Drucksache offenbar stark beschnitten wurde. Wenn sie komplett wäre könntest du sie mir gerne zum Kauf anbieten ;).


    Viele Grüße


    Theo

  • Hallo Theo


    Ich halte tatsächlich die erste Variante als wahrscheinlich hier. Das Papier ist etwas dicker und es scheint ein grossen Teil zu fehlen, so die zweite Gewichtsstufe konnte passen.

    Trotzdem muss ich die beiden Varianten als möglich halten - lieber offen zu sein als zu spekulativ. Es ist ja nur für die eigene Sammlung und nicht für etwa eine Ausstellung.

    Besten Dank für die zwei Lösungsvorschläge :)


    Viele Grüsse

    Nils

    Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis ist in der Praxis grösser als in der Theorie.