Der deutsch-französische Krieg 1870/71

  • Tach Pälzer,


    die meisten Karten (oder zumindest sehr viele) aus den ersten Tagen und Wochen des Krieges sind in Bayern tatsächlich ohne Ankunftsstempel geblieben. Es lässt sich darüber spekulieren, warum dies so ist, zumal davor und danach anders gearbeitet wurde.


    Ich persönlich denke, dass die Postler gerne mal schnell lasen, was an Primärnachrichten von der Front geschrieben wurde, auch wenn das Lesen der Texte von Correspondenzkarten den Postlern eigentlich verboten war, aber Zeitungen waren teuer und das Fernsehen und Internet noch nicht erfunden. Da war das Lesen einer Karte von einem, der mitten drin war, sicher nicht uninteressant und die bestinformierten Leute damals waren nicht ohne Grund die Postler ... ;)

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Guten Morgen zusammen,
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    zwei Tage Beförderungsdauer von Maikammer nach Mannheim, also lediglich ca. 45 km, das wäre in damaligen Zeiten normalerweise Anlass für eine Beschwerde gewesen.

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    Aber am Tag der Aufgabe, dem 15. August 1870 waren die deutschen Truppen kurz davor, den Marschall Bazaine mit seiner Rheinarmee in Metz zu einzuschließen > 14. August Schlacht von Colombey-Nouilly, 16. August Schlacht von Vionville-Mars-la-Tour, 18. August Schlacht von St. Privat-Gravelotte mit Rückzug der Franzosen in die Festung. Der für die deutschen Truppen sehr verlustreiche Erfolg hatte auf den Bahnstrecken im Hinterland zu den extremsten Belastungen während des Krieges überhaupt geführt, d.h. auch auf jener über Nancy - Vendenheim - Haguenau - Wissembourg - Winden - Neustadt a.d.Haardt.

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    Über den im Briefkopf erwähnten - von Wissembourg bis Winden nur eingleisigen - Abschnitt der pfälzischen Maximiliansbahn fuhren bereits während der Mobilmachung im Juli 1870 zwölf Militärzüge pro Tag von Mainz / Mannheim aus. Dies hatte erhebliche Einschränkungen des regulären Verkehrs zur Folge, welche mit den Material-, Truppen- und Verwundetentransporten vor bzw. nach den großen Gefechten um Metz noch weiter zunahmen. Deswegen ist es vorliegend zu der erheblichen Beförderungsverzögerung gekommen. Vom Inhalt her läßt nichts auf den Konflikt schließen, da ging es um andere, geschäftliche Differenzen zwischen Adressat und Absender.


    Viele Grüße
    vom Pälzer

  • ... manchmal kommt eine Facette der großen Geschichte der Kriege ganz klein daher - nur muss man das alles wissen und solch ein unscheinbares Brieflein erst einmal finden.


    Wenn man so etwas unerkannt schnappen kann, hat man einen Glücktag erwischt! :P

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • ...na so ganz unerkannt war es wohl nicht, der Zuschlag war auch von der Erhaltung her verhältnismäßig sehr stramm und verwundert umso mehr, als dass beim Ausruf die Rückseite gar nicht mal gezeigt ward.

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    Viele Grüße
    vom Pälzer

  • Verehrte Sammlerfreunde,


    die - auf den ersten Blick eher unscheinbare - Postkarte anbei ist mal ganz was anderes. Sie stammt aus inmitten der Mobilisierungsphase nach der allgemeinen Mobilmachung vom 16. Juli 1870. Der aufgrund des Inhalts unzweifelhaft dem Militär angehörige Verfasser, der sich ohne Angabe seiner Einheit nur mit seinem Vornamen "outet", macht es einem damit schon ganz schön schwer. Man muss sich also zur Beschreibung des Hergangs der Dinge erst einmal an die wenigen Indizien halten, die sich aus der Transcription ergeben. Selbige somit zunächst wie folgt:


    Wetzlar 24.7.1870 - Den Königl. Oberst a.D. - Ritter Herrn Fronhöfer Hochwerther - Erfurt - Dalbergsweg No. 46


    Bis zum letzten Augenblicke hoffte ich mit dem mobilen Bataillon ausrücken zu dürfen, da ich 3 mal nicht u. wieder mobil gemacht wurde. Steinmann ist krank geworden und hat mich so das Los jetzt endgültig getroffen; in welcher Stimmung ich bin, könnt Ihr Euch denken ! Das mobile-Bat.(aillon) sowohl als die Ersatz-Compagnie müssen morgen hier ab. Letztere per Fußmarsch auf Koblenz; dahin also meine Briefe zu adressieren wären. Vielen Dank für Eure Briefe, die Ungewissheit war Grund meines Schweigens. Lebt wohl. Von Koblenz erhaltet Ihr sofort Antwort.


    Kurt


    Recht einfach war der Adressat Oberst a.d. Fronhöfer zu ermitteln, er befehligte im Deutsch-Deutschen Krieg das 2. Garde Landwehr-Regiment, welches bei der Entscheidungsschlacht von Königggrätz am 3. Juli 1866 beteiligt war.


    Der Verfasser hat seine mit 1 Groschen freigemachte Postkarte am 24. Juli 1870 in Wetzlar aufgegeben und teilt mit, dass er nach seiner Mobilisierung nun auf dem Fußmarsch Richtung Koblenz unterwegs ist. Insofern war es eigentlich (schon) eine Feldpostkarte, die nicht hätte frankiert werden müssen. Von seiner Einheit her war er allerhöchstwahrscheinlich dem in Gießen stationierten 2. Kurhessischen Infanterie-Regiment Nr. 82 angehörig gewesen, denn der Aufgabeort Wetzlar liegt auf dem Weg von Gießen nach Koblenz und eine weitere Quelle erwähnt, dass das Regiment nach seiner Mobilisierung einen kurzen Eisenbahntransport durch das Lahntal und durch das Rheintal bis Wiesbaden-Mosbach genossen hat.


    Nach Durchquerung Rheinhessens war es dann zunächst in der bayerischen Pfalz im Raum zwischen Kirchheimbolanden und Grünstadt einquartiert. Das II. und III. Bataillon war am 6. August 1870 in der Schlacht von Woerth-Froeschwiller eingesetzt, das I. Bataillon wurde an diesem Tag die Ehre zu Teil, für die Bedeckung des Hauptquartiers des Kronzprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen, dem Chef der III. Armee in Sulz zu sorgen. Bei der vorentscheidenden Schlacht von Sedan am 1. September 1870 kämpfte das Regiment auf dem Nordflügel und nahm ab dem 22. September 1870 an der Belagerung von Paris teil, wo am 1. März 1871 das Füsilier-Bataillon einrückte.


    Viele Grüße

    Vom Pälzer


    https://de.wikipedia.org/wiki/…nfanterie-Regiment_Nr._82

    https://books.google.de/books?…zbataillon%201870&f=false

  • Hallo Pälzer,


    Belege aus dem 70/71er Krieg aus dem Juli sind m. E. sehr selten - egal von woher. Richtig ging die Chose ja erst im August/September 1870 los und praktisch alle Karten und Briefe dieser frühen Phase sind frankiert, wobei hier vorfrankiert der bessere Ausdruck wäre, denn die Leute kauften damals ihr Postkarten (Correspondenzkarten) i. d. R. frankiert mit 1 Groschen bzw. 3 Kreuzern und so war das sicher auch hier.


    Darüber hinaus ist die Gebührenfreiheit der Soldaten zumindest in der Anfangszeit nicht so wichtig gewesen - da standen ganz andere Dinge im Vordergrund. Die Entschließung vom 7.8.1870 zeigt ja, dass es zuvor wohl noch keine Klarheit bei den Soldaten gab, ob sie frankieren sollten, oder nicht. Oft wurden auch Briefe Heimat - Front frankiert, wiewohl auch das nicht notwendig war, weil Feldpost in beide Richtungen lief und portofrei gestellt war.


    Ein feines Stück Zeitgeschichte (wer hätte gedacht, dass man 1870 noch Soldaten per pedes vorrücken ließ, wo es doch schon so lange die schnelle Eisenbahn gab?). Klasse!

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • (wer hätte gedacht, dass man 1870 noch Soldaten per pedes vorrücken ließ, wo es doch schon so lange die schnelle Eisenbahn gab?).

    Hallo bk,


    wie man sieht, hat die Poka von Wetzlar nach Erfurt krasse 4 Tage gebraucht, da war auf den Bahnstrecken halt die Hölle los. Da konnte auch nicht jede Einheit transportiert werden und so hat man die dem Aufmarschgebiet am nähesten liegenden auch (mal) marschieren lassen. Im vorliegenden Fall wurde die Truppe streckenweise mit der Bahn transportiert, streckenweise marschieren gelassen. In der Pfalz um den 25.-27. Juli angekommen hatte man dann vor dem ersten Feindkontakt Anfang August immer noch genügend Ruhetage dazwischen, die mit Gefechtsübungen und exerzieren verbracht wurden.


    Viele Grüße

    vom Pälzer

    Einmal editiert, zuletzt von Pälzer ()

  • Jepp, danke für die zusätzliche Info. Scheint alles doch ein bisserl chaotischer abgelaufen zu sein, als man uns in den Geschichtsbüchern so erzählt hat ...

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo Tim,


    die von dir beschriebene Korrespondenzkarte wirft die interessante Frage auf, ab welchem Datum Militärs Portofreiheit besaßen.


    Auskunft hierüber geben uns die Feldpost-Ordres Nr. 2 vom 17.7.1870 für das Landesheer und Nr. 24 vom 5.8.1870 für die Marine. Diese lauten:


    Die nach § 23 der Dienstordnung für die Feld-Postanstalten vom 16. August 1867 vorgezeichnete Portofreiheit für die mobilen Truppen ist in Kraft getreten.


    Bereits am 16. Juli 1870 wurde die Mobilmachung der gesamten deutschen Armee angeordnet und die Militärs sammelten sich in ihren Garnisonen. Wir dürfen davon ausgehen, dass die Portofreiheit den Militärs beim Verlassen ihres Wohnortes nicht bekannt war. Spätestens jedoch in der Garnison, bzw. beim Transport in die Bereitstellungsräume war die Portofreiheit allgemein bekannt und wurde auch genutzt.


    Gruss


    1870/71

  • Hallo 1870/71,


    die Regelung vom 17. Juli 1870 war dann ja recht eindeutig, dann hätte "Kurt", wie schon erwähnt eigentlich nicht frankieren müssen. Ich frage mich allerdings, was es dann mit dervon @bk erwähnten Entschließung vom 7. August 1870 für eine Bewandnis hatte, nach der es zuvor wohl noch keine Klarheit bei den Soldaten gegeben hat, ob sie frankieren sollten, oder nicht. Ich habe diese Entschließung leider nicht vorliegen.


    Viele Grüße

    vom Pälzer

  • Hallo Pälzer,


    ich vermute, @bk Aussage bezieht sich auf die norddeutsche Feldpost-Ordre vom 5.8.1870. Hier wurde die Portofreiheit für französische Kriegsgefangene ab 7.8.1870 bekannt gegeben.


    Warten wir einmal ab, wie @bk sich dazu äußert.


    Viele Grüße


    1870/71

  • ...ok, aber mit der Portofreiheit der dem deutschen Militär Angerhörigen hat diese Verlautbarung vom 5.8.70 dann aber wohl eher weninger zu tun gehabt, wenn ich 1870/71 richtig verstanden hae, oder ?


    Viele Grüße

    vom Pälzer

  • Hallo Pälzer,


    du hast mich richtig verstanden!


    Deine Karte steht in keinem Zusammenhang mit der Portofreiheit für französische Gefangene im Norddeutschen Bund


    Gruß


    1870/71

  • Guten Tag zusammen,


    nach Klarstellung der einschlägigen Verordnungen passend zu dem o.a. Themen Eisenbahnaufmarsch und Portofreiheit noch zwei Zitate aus einer mir gerade zufällig in die Hände gekommenen Originalausgabe der 1871 in Berlin veröffentlichten Nordeutschen Feldpost während des Krieges in Frankreich in den Jahren 1870-71. Darin wird in Kapitel 5 (S.16f.) folgendes dargelegt:


    Da alle Züge und Transportmittel für die Truppentransporte im Anspruch genommen waren, und die Durchführung wenigstens e i n e s täglichen, oder selbst einen Tag um den anderen gehenden regelmäßigen Zuges für den sonstigen Verkehr nicht erfolgte, so kam der Verkehr und der Postdienst während dieser Zeit in eine verhängnisvolle Lage. Gleich der hereinbrechenden Gewalt eines Naturereignisses vollzog sich der völlige Umsturz des sonstigen gewohnten Beförderungssysthemes; die Hauptverkehrsadern stockten; das gesammte postalische Netz in seinen weiten Verzweigungen war plötzlich zerisssen.


    Es half wenig , dass das General-Postamt sich sofort das Recht erwirkte, die Militair- und Kohlezüge, selbst einzeln gehende Locomotiven, Draisinen u.s.w. überall mit zu benutzen, und dass dasselbse - soweit der große Kriegs-Pferdebedarf dies zuließ - neben den Bahnen her auf der Landstraße Pferdeposten einrichtete. Denn die nach und nach für die einzelnen Hauptlinien festgestellten Eisenbahnfahrpläne konnten erst kurz vor der Ausführung mitgetheilt werden, die Züge selbst hielten planmäßig nur auf so wenigen Stationen an und ihre unterwegs eintretenden Stockungen waren so völlig unberechenbar, dass daraufhin eine Neugestaltung des ganzen Postcourswesens und Anschlußsysthemes, der Stationsleistungen und Transportmittel-Vertheilungen in keiner Weise sich bewirken ließ.


    Was hierin geschah, war Notbehelf und konnte den Mangel einer regelmäßigen durchgehenden Eisenbahnverbindung nicht entfernt ersetzen. Und dieser absolute Mangel hat auf allen wesentlichen Linien bis zum 10. August bestanden. (...) Die Feldpost-Correspondenz hatte, von dem Tage ab, wo die Portofreiheit eintrat, in großen Proportionen zugenommen. Einschließlich der Landwehr- und Ersatztruppen war über eine Million Deutscher Streiter gegen Frankreich aufgeboten, und der größte Theil von ihnen suchte natürlich einen brieflichen Verkehr mit dem Heimatorte zu unterhalten.


    Viele Grüße

    vom Pälzer

  • Hallo Pälzer,


    Die Feldpost-Correspondenz hatte, von dem Tage ab, wo die Portofreiheit eintrat, in großen Proportionen zugenommen.


    ich hoffe diesen Satz nicht falsch zu interpretieren, aber für mich liest sich das wie folgt:


    Es gab eine Zeit im Krieg, als es keine Portofreiheit gab bzw. keine Portofreiheit den Soldaten bekannt war.


    Darüber hinaus müsste man unterscheiden in die Zeit, in der zwangsläufig frankiert wurde, bzw. unfrankierte Sendungen wie gewöhnliche Briefe und Karten auch taxiert wurden und es gab eine Zeit, ab der portofrei versandt werden konnte und ab der die Mengen deutlich nach oben gingen.

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • ich hoffe diesen Satz nicht falsch zu interpretieren, aber für mich liest sich das wie folgt: Es gab eine Zeit im Krieg, als es keine Portofreiheit gab bzw. keine Portofreiheit den Soldaten bekannt war.


    Hallo bk,


    das wird man für das Landesheer so nicht sagen können, denn im Kriegszustand mit Frankreich befand man sich erst nach dessen Kriegserklärung am 19.07.1870. Die bereits w.o. erwähnte Feldpost-Ordre Nr. 2 über die Portofreiheit war aber schon einen Tag nach der allgemeinen Mobilmachung, d.h. am 17.07.1870 in Kraft getreten. Dass das trotzdem nicht gleich bei allen Armeeangehörigen aufgeschlagen und trotzdem noch mit (evtl. vor-)frankierten Sendungen korrespondiert worden ist, habe ich hier ja bereits mit zwei schönen Feldpost-Correspondenzkarten und darauf nicht notwendigerweise verwendeten NDB-Marken vom 4.8. (Landau > Dresden) und sogar noch vom 1.9. (Landau - Lauenstein) dokumentiert. So Sachen sind natürlich Klasse Sachen :thumbup:


    Viele Grüße

    vom Pälzer

  • ... ich denke auch, dass die - eher sinnlos - frankierten Belege die "besseren" sind, die noch von Unkenntnis der Tarife zeugen, oder es war den Leuten auch egal um die 3x oder den Groschen, Hauptsache das Schreiben ging bald an die Lieben in der Heimat raus. Eine interessante Zeit, wenn auch keine wirklich schöne ...

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus