Beiträge von Erdinger

    Man muss sich zudem noch die existentielle Situation vergegenwärtigen, in der sich Briefschreiber*In in Langenzenn befand. Wird »Depot« am Anfang mit am hadden oder am weichan »d« geschrieben? Publikumsfrage gab’s wohl keine, deshalb steht jetzt da »Rekrutentepot«. Bei vier harten Konsonanten in einem Wort ist die Trefferquote aber respektabel.

    Lieber Dieter,


    vermutlich taugt Preußen als größter Flächenstaat im Deutschen Bund bzw. im Norddeutschen Bund nur bedingt als Vergleichsmaßstab, was die Stringenz administrativer Maßnahmen angeht. Hier reicht die obrigkeitliche Tradition weiter zurück als sonstwo in Deutschland, bis ins 17. Jahrhundert. Die Militarisierung der männlichen Bevölkerung wirkte durchgreifend sozial disziplinierend, und wo das nicht so war, sorgte man durch Personalpolitik dafür, dass es so wurde.


    Bayern kann man sich nach einem auf Österreich bezogenen, aber gut übertragbaren Spruch von Victor Adler als »Absolutismus, gemildert durch Schlamperei« vorstellen. Vor Montgelas wurde buchstäblich dahingewurschtelt, und daran hatte sich auch nach Montgelas kaum etwas geändert. Alle zentralistischen Bestrebungen in der kurzen Zeit dazwischen blieben häufig darauf beschränkt, worauf sie gedruckt erschienen, nämlich auf das Papier. Ein sprunghafter König wie Ludwig I. mit ständig wechselnden Anwandlungen und Vorlieben tat das Seine dazu. Erst unter seinem Nachfolger Maximilian II. suchte man nach Lösungen, die aber – typisch bayerisch – meist pragmatischer Natur waren. Selbst diese bedächtigen Modernisierungsversuche stießen in weiten Bevölkerungskreisen auf Misstrauen oder sogar erheblichen Widerstand. Dazu kann man auch Staatsbeamte zählen, die Vorbehalte aufgrund von Konfession oder regionaler Herkunft hegten.


    Aufs Postalische und besonders die Stempelkunde heruntergebrochen heißt dies, dass sich ein zusammengestückelter Flächenstaat kaum zentralistisch steuern ließ. Die Oberpostämter hatten erstaunliche Spielräume, die sich unter anderem auch auf die Beauftragung von Stempelherstellern auswirkten. Nirgendwo scheint etwa die Dichte an Sondertypen so hoch wie in Oberfranken. Wer die Einleitung zu Dr. Joachim Helbigs Stempelhandbuch konzentriert durchliest, greift sich häufig an den Kopf und bedauert den Autor ob der selbstgestellten Aufgabe.


    Alles in allem war der Weg zum dokumentarischen Stempel bei den meisten deutschen Staaten lang und steinig. Erstaunlicherweise schauen die meisten Sammler selten über den Tellerrand der eigenen Ländersammlung. Württemberg kann man als Vorreiter betrachten, aber auch hier wurde experimentiert, ohne dass immer ein Fortschritt herauskam.


    Viele Grüße

    Dietmar

    Lieber Wolfgang,


    den frühesten Abschlag des 20b habe ich vom 14. März 1870 registriert, den spätesten vom 12b am 2. März 1870. Irgendwo dazwischen liegt der Übergang.


    Liebe Grüße

    Dietmar

    Liebe Freunde,


    zu dem gezeigten Brief aus Erding mit dem Mühlradstempel hätte ich noch ein Pendant aus gleicher Korrespondenz aus dem »Nachmärz« 1869 anzubieten. Der Stempelabschlag vom Typ Winkler 12b ist das Beste, was hier überhaupt zu bekommen ist. Das Gerät war weniger als ein Jahr im Einsatz. Die Buchstaben waren extrem fein geschnitten, das führte in der Praxis zu kaum leserlichen Abschlägen. Ein gescheiterter Versuch, eine zeitgemäße Lösung für den Halbkreisstempel zu finden.


    666 – hoo hah, the number of the beast!


    Zwei Briefe, die zum Stempelsammeln einladen, wenn man es vorher noch nicht betrieben hat.


    Lieber Wolfgang,


    so einen späten MR-Abschlag hatte ich von Erding zwar noch nicht in der Sammlung, aber ich kann auch ohne diesen Brief gut leben :-)

    Liebe Freunde,


    einen Hinweis für alle Freunde der k.-und-k.-Historie kann ich mir an dieser Stelle nicht verkneifen.


    Das Buch von Tamara Scheer, »Von Friedensfurien und dalmatinischen Küstenrehen« bringt unheimlich viele Eigenheiten und Absurditäten dieser Zeit ins Bild und ist eine wunderbare Sommerlektüre. Wer weiterlesen möchte, dem seien die Bücher von Helmut Luther und Martin Haidinger aus dem gleichen Verlag ans Herz gelegt.

    Lieber Klaus,


    ja, der ist wirklich nicht von schlechten Eltern. Das Buch von Großner über Forchheim datiert von 1990, das hätte also schon in einer Handbuch-Publikation von 2000 berücksichtigt werden können ...



    In meiner Nr.-15-Briefesammlung gibt es auch eine Abteilung Hall of Shame für Schlechtstempler und Postbetrüger. Optisch ansprechende Stücke haben Letztere selten hinterlassen, weil die bereits abgestempelten Marken in der Regel von anderen Briefen abgezupft wurden. Das sieht man auch bei diesem Brief aus Hassfurt von 1869 sehr gut. Unter der ramponierten Marke lugen noch andersfarbige Papierreste hervor. Was wie ein verkantet abgeschlagener Ortsstempel aussieht, ist keiner. War die Marke schon einmal eine Woche vorher gestempelt worden? Es sieht ganz so aus. Der erste Stempel geht nicht aufs Briefpapier über. Wer auch immer hier postcontraventionös zu Werke ging, hatte auf jeden Fall große Chuzpe und auch das Massel, nicht aufzufliegen.


    Liebe Freunde,


    damit wäre ein weiterer Handbucheintrag aktualisiert. Nicht nur scheint der Stempel auf Brief selten zu sein, die Abschlagsqualität schwankt beträchtlich, wie man anhand der Beispiele sieht.

    Zitat von Oisch

    der oMR hat links wie rechts rum gezählt konstant 19 "Schaufeln"

    Gibt’s auch welche, bei denen man je nach Richtung auf verschiedene Ergebnisse kommt?

    Spaß beiseite - ich zähle auch immer nach. Alte Handwerkerweisheit: Nie nur an einer Stelle messen.

    Liebe Freunde,


    der Sondertyp des oMR 132 von Forchheim mit 19 Schaufeln, der laut Sem-Handbuch nur 1867 belegt ist, begegnet einem auf Brief eher selten. Leider schwächelte im Juni 1867 die Stempelfarbe ein wenig, aber dafür kann man den wirklich heftigen Plattenfehler XVIb nach Vogel/Peindl, der sich auf der rechten Markenseite vom zweiten R in »Kreuzer« bis zur rechten oberen Wertziffer zieht, hervorragend erkennen.

    Liebe Freunde,


    Briefe aus der Vormasken-, äh, Vormarkenzeit (ein pandemiebedingter Freud’scher Lapsus) freuen mich besonders dann, wenn sie privaten Ursprungs sind.


    Die Herrschaft Ellingen bildete in Bayern mit einigen umliegenden Landorten eine Enklave, die 1815 dem Fürsten von Wrede verliehen worden war. Die Stadt Weißenburg am Sand wurde mitsamt ihrem Forst von diesem Gebilde umschlossen. Nahezu alle erhaltene Post auf dem philatelistischen Markt, die einmal aus und nach Ellingen ging, hat irgendwie mit der fürstlichen Verwaltung zu tun, ist praktisch immer portofrei oder am Ort selbst ohne Bestellkreuzer zugestellt worden. Philatelistisch ist das in der Regel reizlos.


    Belege wie den angehängten nimmt man daher gerne mit. Im Inhalt entschuldigt sich ein Malermeister bei einem unzufriedenen Kunden in unglaublich langen Schachtelsätzen und unterstreicht seine Bereitschaft zur Erfüllung eines erteilten Auftrags. Vermutlich war der Empfänger nach der Lektüre genauso klug wie der heutige Leser (und fühlte sich entsprechend lackiert).

    Hallo Tim,


    aus genau diesem Grund habe ich den Link ohne jede Wertung hier gepostet, weil ich wissen wollte, was andere von dieser Sendung halten. Für mich war das Ganze eine glatte Themaverfehlung.

    Churchill hätte diese Produktion vermutlich so beschrieben: Nie zuvor verdankten so viele so vielen so wenig.


    Viele Grüße

    Dietmar