Beiträge von Erdinger

    Liebe Freunde,


    als Erdinger gieße ich etwas Wasser in den Messwein: Es ist leichter, einen Bischofsbrief mit Postablagestempel von Wartenberg zu finden als einen gewöhnlichen (und selten sind sie alle). Auffällig finde ich das eingeprägte "L." bei diesem schönen Brief. Ein Namenskürzel des Pfarrers kann es nicht sein, denn der hieß Joseph Greimel.


    @Dieter

    Ab den 1860er-Jahren gibt es diese Vordrucke verstärkt. Sie wurden auch nicht unbedingt zentral von der Erzdiözese geliefert (wie die lithografierten Vordrucke mit handschriftlichen Adressen), sondern von Druckern in der Provinz. Bei den Schriften gibt es die wildesten Mischungen. Das Beispiel von bayernjäger gehört noch zu den harmonischeren.

    Hallo Bavarian Hunter,


    in diesem Zusammenhang lohnt sich ein Blick auf die überlieferten Probedrucke* der 1 Kreuzer schwarz:


    Welche Farben sehen wir? Die, die später verwendet wurden und ein paar Varianten davon. Eine Auswahl aus mehreren Farben war vorhanden.


    Ich schließe mich den anderen an: Irgendeinen Namen musste das Kind bekommen, und das war halt braunrot.


    * Erich Stenger, Essais und Proben der Brief-, Porto-, Telegraphen-, Stempelmarken und Ganzsachen von Bayern (1913)

    Liebe Freunde,


    ein gemeinsames Problem von uns Philatelisten ist, dass wir einem im Grunde banalen Gegenstand einen Wert abgewinnen wollen. Deshalb suchen wir stets nach einer Besonderheit, die diesen Gegenstand von vergleichbaren Gegenständen abhebt (und unsere eigene Sammlung solcher Gegenstände von der anderer Sammler). Man könnte diesen Gemütszustand analog zur Berufskrankheit als Hobbykrankheit bezeichnen, die uns bisweilen dazu bringt, einfache Erklärungen auszublenden, weil uns die Vorstellung davon lieber ist, wie etwas sein könnte, als die möglicherweise unbefriedigende banale Erklärung dafür.


    Um es weniger philosophisch auszudrücken: Wir räumen einem Phänomen wie einem vermeintlichen Punkt mehr Aufmerksamkeit ein als dem offensichtlichen Zustand des Stempelwerkzeugs selbst, der uns doch so viel verraten könnte.


    In den letzten 20 Jahren habe ich Stempelreihen von Erding gesammelt, im Original wie im Scan. Natürlich gibt es immer mal Lücken, aber ich kann sehr bestimmt sagen, dass nur dieser eine Antiqua-Halbkreiser von Erding von 1843 bis 1859 beständig im Einsatz war und dass er nie einen absichtlich eingefügten Punkt hatte.


    Zwei Stempelwerkzeuge, eins mit und eins ohne Punkt – um auch dies auszuschließen –, waren in einer ländlichen Stadt, die noch 1895 nur 3100 Einwohner zählte und deren Wirtschaft auf die engere Umgebung zugeschnitten war, nicht nötig. Es gibt eine ordentliche Menge Dienstbriefe, Incoming Mail an örtliche Kaufleute, aber gerade Privatbriefe kenne ich kaum (obwohl ich gezielt danach suche). Die Menge der Korrespondenz war überschaubar.


    Wie wahrscheinlich ist es, dass (sagen wir 1855) ein Punkt nachträglich hinzugefügt wurde, weil das gerade en vogue war? Äußerst gering, denn warum sollte man sich die Mühe machen, einem bereits deutlich abgenutzten Stempel etwas hinzufügen zu wollen, ohne dem verschlissenen Zustand des restlichen Geräts wenigstens ansatzweise abhelfen zu wollen? Und woher sollte das nötige Metall an genau dieser Stelle kommen? Denn genau dort, wo der Punkt vermutet wird, hatte man ja bewusst Material abgetragen, damit die Stelle eben nicht mitdruckt. Also eher auch nicht.


    Schauen wir der Wahrheit ins Gesicht: Der Punkt war nie einer.

    Betrachten wir die Merkmale des Stempels: Die Sehne ist nie gerade, sie hängt von Anfang bis zum bitteren Ende durch. Auch die Abstände zwischen den Buchstaben bleiben proportional gleich. Die Linien/Keile/Stege tauchen ab etwa 1854 auf, verschwinden wieder, kommen zurück, je nach Reinigungszustand. Mehr ist nicht dahinter.


    Vielleicht ist das jetzt ein bisschen zu ausführlich geraten, Freund Will hat es vernünftigerweise viel kürzer ausgedrückt. Aber wir sind ja in einem Diskussionsforum, deshalb darf es auch einmal etwas mehr sein.


    Auch ich habe die Illusion, dass mir jemand bei diesem Stück anhand einer gepflegten Stempelreihe sagen könnte: »Glückwunsch, da hast du was ganz Ausgefallenes an Land gezogen.« Aber ich könnte auch damit leben, wenn jemand sagte: »Dietmar, lass es guad sai, da isch nix, außr dainr Einbildung.«

    Hallo Michael,


    die Notiz lautet:

    »Auf die Bescheidung vom 24 May

    28. zu verweisen. ((Unterschrift)) 19/5 29.«


    @Dieter

    Vielleicht war die Bevorzugung ehemaliger Soldaten im Postdienst nicht so sehr eine Frage der erwarteten besseren Disziplin, sondern eher die Möglichkeit zur Unterbringung von teilinvaliden, aber noch arbeitsfähigen Veteranen, um sich eine Pension zu ersparen.

    Wenn in Bayern in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Rede von einer »Postverwaltung« anstelle einer Expedition ist, geht es praktisch immer um die Versorgung von Veteranen. Die Tradition der Postverwaltung als »halbscharige« Expedition rührt noch von der Taxis-Post her.

    Liebe Freunde,


    der Stempel war vom 1.7.1843 bis etwa Oktober 1859 im Einsatz. In der ganzen Zeit weist er keinen Punkt auf, allerdings ist eine deutliche Abnutzung belegbar. Bei einer Einsatzzeit von mehr als 16 Jahren ist das auch nicht verwunderlich.



    Kurz vor der Ausmusterung zeigen sich unterhalb des Ortsnamens und oberhalb der Sehne Linien oder Keile, die dort nicht hingehören. Ich könnte mir vorstellen, dass dort bei der Herstellung Grate übriggeblieben waren, die mit zunehmender Abnutzung in die Druckebene wanderten und durch Verschmutzungen sichtbar gemacht wurden.


    Hallo bayernjäger,


    das war in Erding im Jahr 1852 eigentlich der Normalzustand. Ob der Expeditor seine Stempelfarbe manipuliert hat oder ob die Konsistenz der gelieferten Farbe tatsächlich so war, wird sich kaum mehr ermitteln lassen.


    Ich würde den Brief auf einer Seite mit einem notorisch farbschwachen Stempler kombinieren, z.B. Taufkirchen (gleicher Landgerichtsbezirk!), dann hat man ein schlagendes Beispiel für die Bandbreite der benutzten Stempelfarben.

    ... dann würde ich sagen, der Brief wurde von Landshut nach Traunstein zunächst »frei« verschickt. Das entsprechende Kürzel in typischer Handschrift von Götz wurde bei der Bearbeitung am Zielort gestrichen und der »P.S.«-Vermerk in Traunstein geschrieben. Rückseitig außerdem der Insinuationsvermerk des Gerichtsdienersgehilfen Fischer von Traunstein.

    bayernjäger:

    Das mit der extremen Abnutzung stimmt natürlich (und wer wüsste es besser als du?). Aber selbst wenn das Stempelbild noch einigermaßen klar wirkt, ist es der Abschlag in der Regel nicht. Häufig leicht bis stark verkantet, mit einem Drall nach rechts oben. Dazu der rasante Verschleiß – es ist faszinierend, sich deine Stempelreihen anzuschauen.

    Liebe Freunde,


    danke für die Kommentare! Es gibt die »hidden champions« in der vermeintlichen Massenware, und sie werden leicht übersehen, wenn man auf die reine Handbuchbewertung schaut. Aber selbst ein Handbuch kann nicht jede denkbare Kombination oder Spezialität abdecken – da bleiben wenigstens Chancen für uns Sammler.


    @bayern-nerv: Mal ein Brief aus dieser Korrespondenz in die umgekehrte Richtung. Mir gefällt er.

    Liebe Freunde,


    Briefen von Orten mit bedeutendem Postverkehr billigt man bei der Bewertung in der Regel keine oder kaum Stempelaufschläge zu, weil es theoretisch wie praktisch mehr als genug davon gibt. Manchmal ist das allerdings gedanklich zu kurz gesprungen und im Rauschen können ein paar Aspekte untergehen.


    Die Filialpostexpedition im neuen Münchener Bahnhof wurde 1852 eröffnet. Bei der Bewertung der Mühlradstempel unterscheidet Peter Sem in seinem Handbuch nicht nach Haupt- und Filialpost – Aufschlag gibt es sowieso keinen. Dabei sind Briefe von der Filialexpedition zumindest aus meiner Sicht weder in der ersten noch in der zweiten Verteilung leicht zu finden, abgesehen vielleicht vom Ende der 1860er-Jahre an. Der gMR 217 mit den charakteristischen verkürzten Schaufeln und der leicht erhöhten »2« wurde offenbar immer nur hier am Bahnhof verwendet, und das nur rund vier Jahre (der erste Bahnhof brannte 1847 ab, aus dem gleichen Jahr ist bereits der Halbkreiser belegt).

    Wenn man also Briefe sieht, die aus einer Privatkorrespondenz stammen, bei denen die Marken gut gerandet sind und die Stempel sauber abgeschlagen wurden, sollte man vermutlich zugreifen, wie bei diesem Kuvert mit einer 4 II 1 vom BAHNH. MÜNCHEN nach Irmelshausen in Unterfranken. Früher hätte man dieses Exemplar vermutlich durch Reinigung aufgehübscht, aber mir gefällt die Patina. Wie würde ihn wohl Herr Deider einstufen? Kabinett? Dem steht vermutlich das auf der Rückseite mit Kugelschreiber verewigte Datum »16.11.1854« entgegen. Anscheinend gab es einmal Inhalt, der entnommen wurde, bevor das gute Stück in den Handel gelangte.




    Wo gerade das Stichwort Unterfranken gefallen ist: Schweinfurt verzeichnet beim oMR »479« immerhin einen moderaten Stempelaufschlag von sage und schreibe €2 auf Brief, wobei ebensowenig wie bei München nach Typen unterschieden wird. Aber mal Hand aufs Herz: Wie oft hatte man in der Schweinfurter Expedition Zeit genug, seine Stempel präsentabel abzuschlagen? Gar nicht so selten kommen sie verkantet daher. Daher gilt auch hier: Zugreifen, wenn man was Hübsches sieht, wie bei dieser 4 II 3 aus dem Jahr 1862, auch wenn sie nicht ganz so üppig, aber immerhin vollrandig ist. bayernjäger hat hier im Forum schon einmal drei Typen gezeigt und demnach liegt hier Typ 1 mit kleinen Ziffern vor.


    Liebe Freunde,


    noch als Nachtrag zu #936:

    Hallo Sammlerfreunde,

    Cronach - Lichtenfels vom 30.10.1858. rückseits Insinuationsvermerk.

    Aber was steht da unter Lichtenfels und was soll das bedeuten?

    Gruß

    bayernjäger

    Unter Lichtenfels steht: »per Haenel«.

    Der Brief wurde vom Bezirksgericht Kronach (als zweite Instanz auch für das Landgericht Lichtenfels zuständig) vom Gerichtsboten Simon Eichmüller vermutlich dem Kaufmann Carl Haenel in Kronach zugestellt (»insinuiert«). Dieser nahm als Insinuationsmandatar für den Advokaten Bauer in Lichtenfels die gerichtliche Entscheidung entgegen und leitete sie dann per Post weiter. Haenel erscheint in zeitgenössischen Quellen als Agent für Brandversicherungen und die Auswanderungsagentur Pokrantz, da passt die Tätigkeit als Insinuationsmandatar genau ins Portfolio.

    Liebe Freunde,


    vom Abstecher in Ulm auf dem Weg in die Pfalz habe ich folgendes Stück mitgebracht:



    Der Brief stammt von 1870.

    Die Ortsangabe lautet ÖTTINGENI – ob das ein verunglücktes ÖTTINGEN I sein sollte? In dieser Zeit kommen die ersten römischen Ziffern als abgekürztes Unterscheidungsmerkmal für STADT oder BAHNHOF auf.

    Könnte natürlich nachgemalt sein, aber wer sollte sich diese Mühe für einen »billigen« Beleg machen? (Sieht unter der Lupe auch nicht nach Nachmalung aus.)

    Lieber Hermann,


    ich bin geplättet – das ist mit Abstand der früheste Typ 20 bei einer gewöhnlichen Expedition, den ich kenne. Normalerweise tauchen die ersten Stempel vom Typ 20 im Herbst 1869 auf (ab etwa Oktober). Und dieser weicht in mehrfacher Hinsicht ab: Keine Jahreszahl, Uhrzeitangabe in zwei Zeilen und Monat in Groß- und Kleinschreibung (von unten nach oben gelesen). Und der Aufbau blieb unverändert, solange dieses Gerät im Einsatz war (bisher bis September 1873 belegbar)!


    Von diesem Ort habe ich eine ganze Reihe Abschläge dokumentiert, die meisten sind aber nicht datierbar – und hier hat man’s eindeutig und auf den ersten Blick dokumentiert.


    Danke für’s Zeigen!

    ... und weil wir gerade dabei sind:


    In Mangelzeiten mussten wenig gebrauchte Formulare als Ersatz für das vorschriftsmäßige Material herhalten.


    Zu diesem Zeitpunkt waren in Erding die regulären Paketkarten offensichtlich ausgegangen. Im März 1948 wurden sogar Postkarten umfunktioniert. Anfang April griff man auf die Notpaketkartenformulare (hier das Doppel) zurück.


    Wie sagte Uli damals so schön, als ich zweifelte: »Kauf das Ding!« Zusammen mit dem Provisorium vom März, das bald darauf wundersamerweise dazukam, eine feine Kombination, wie ich finde.

    Hallo Uli,


    jetzt drücken wir einmal auf die »Fast Forward«-Taste und springen ins Jahr 1943.


    Der Paketkartenspezialist kennt das Verfahren und die Belege, der Heimatsammler wiederum freut sich, dass er so etwas überhaupt in der Sammlung hat (vor allem, wenn es zum Preis von 1–2 Pizza$ hergeht).




    Das am 13. September 1943 in Moosinning aufgegebene Paket traf am 16.9. in Chemnitz ein, aber ohne Paketkarte.

    Es muss dazu auch eine Notpaketkarte gegeben haben, aber hier liegt nur noch die Doppel-Notpaketkarte (Durchschlag) vor.


    Liebe Freunde,


    ich kehre noch einmal zurück zum Beleg von Will #619. Dass die Reconummer bereits vom Absender geschrieben worden sein soll, erschließt sich mir nicht recht. Ich habe einen Brief aus Dorfen, bei dem die Nummer in der gleichen Schreibweise wie bei Wills Beleg und ebenfalls mit tieffarbiger Tinte ergänzt wurde (auch hier fehlt übrigens der Chargéstempel). Dieser Brief hat Inhalt, er stammt vom Dorfener Kirchenmaler Ludwig Hack, der sicherlich unverdächtig ist, eigene Postscheine zu benutzen und also eine Nummer auf dem Brief zu hinterlassen.



    Es ging übrigens auch umgekehrt in Dorfen, hier aus dem Jahr 1854:



    Chargéstempel vorhanden, Nummer fehlt. (Besseren Scan habe ich leider gerade nicht, aber der Brief ist in meiner Sammlung.)


    Grundsätzlich noch zu der Geschichte mit den eigenen Scheine der Anwälte: Gesehen habe ich bisher keinen einzigen, und wenn Ralph einen besäße, hätte er ihn jetzt sicher gezeigt, um seine Argumentation zu stützen. In der Vergangenheit wurden bereits diverse historische Anwaltskorrespondenzen (vor allem in Franken) geplündert, dennoch ist bisher nach meiner Kenntnis kein einziger eigener Schein eines Anwalts aufgetaucht. Ich lasse mich allerdings liebend gerne widerlegen (nicht theoretisch, sondern praktisch).


    Meines Wissens gibt es genau eine Möglichkeit, wann Anwälte selbst geschriebene Scheine vorlegen durften: bei Korrespondenzen in Armensachen.


    Die Jagd auf solche Postscheine (und sogar Retour-Rezepissen :P) ist eröffnet.

    Hallo Jean-Paul,


    Peter Sem bewertet in seinem Pfennigzeit-Handbuch T9–T14 postfrisch/ungebraucht mit dem 100- bis 200-fachen der entsprechenden Nominalen aus T16–T25, was schon einiges über die Seltenheit aussagt. Die Restbestände aller Telegrafenmarken wurden 1883 zum Verkauf angeboten (Ausschreiben der Generaldirektion der bayerischen Posten, in: DBZ Nr. 8, 21.8.1904, 107–108). Dabei wurde nicht zwischen Auflagen oder Wasserzeichen unterschieden.

    Hier die amtliche Aufstellung des angebotenen Materials:


    Die Telegrafenmarken sind aufwendig gestaltet und sehr ansehnlich. Der Markt dafür scheint aber nicht sehr groß zu sein.

    Ich kann mich erinnern, dass die billigen Werte mit Wasserzeichen 6 an den in Kaufhäusern in den 1970er- und 1980er-Jahren aufgestellten Verkaufsständern mit Sammlerbriefmarken immer mal wieder vertreten waren.

    Vielleicht können die Fiskalphilatelisten mehr zu diesen Wertzeichen sagen, obwohl dies auch für sie eher ein Randgebiet ist.