Braunschweig - Postvorschuss

  • Postvorschussbriefe gehörten aufgrund der mit den Zahlungen und ihrer Verwaltung verbundenen Prozesse ebenfalls zur Fahrpost. Postvorschüsse wurden dabei oft auch als "Postauslage" gekennzeichnet. Ich finde es an der Zeit, diese interessante Einzel- und oft auch Zusatzleistung der Post getrennt zu zeigen. Ich fange hier mal mit einem hübschen Dienstbrief mit Postvorschuss aus Gandersheim an:

    Herzogliche Dienstsache mit Postvorschuss von 11 Ggr von Gandersheim “an den Herrn Kreisgerichtsactuar Culemann wohlgeboren zu Holzminden”. Der Abschlag des ersten Hammerstempels von Gandersheim erlaubt eine Datierung der Briefhülle auf den Zeitraum 1833-1850. Taxierung: Entfernung 5 ¼ Meilen, aber portofrei, Postvorschuss 11 Ggr plus 6 Pfg Procura-Gebühr (bis zu ½ Thaler). Der Empfänger hatte somit insgesamt 11 ½ Ggr zu zahlen.

    Einmal editiert, zuletzt von Papiertiger (4. August 2026 um 16:28)

  • Kreis-Gerichtsactuar müsste es denke ich heißen.

    Interessant bei den portofreien Postvorschussbriefen ist ja, das dennoch Prokuragebühr anfiel.


    Viele GRüße


    kreuzer

  • Danke, lieber kreuzer!

    Ja, auch ich habe mich gewundert, dass Dienststellen anderen Dienststellen eine Procura in Rechnung stellen durften - denn das Kreditrisiko war ja im Prinzip Null, obwohl natürlich der aufgebende Postbeamte erst mal dieses Risiko annahm.

    Ich habe den Empfängertitel geändert. Und wieder was gelernt:

    Ein Kreisgerichtsaktuar (historisch oft Kreisgerichtsactuar) war im 19. Jahrhundert ein im gehobenen bzw. mittleren Justizdienst tätiger Beamter bei einem staatlichen Kreisgericht (wie es beispielsweise im Herzogtum Braunschweig für das Kreisgericht Holzminden im Zuge der Justizreformen im 19. Jahrhundert eingerichtet wurde). Zu den Aufgaben eines Aktuars gehörten vor allem das Führen der Protokolle, die Aktenführung und die Urkundserstellung bei Gerichtsverhandlungen.

  • Hier dann ein Postvorschuss auf einem Privatbrief.

    Privatbrief mit Postvorschuss (“Postauslage”) von 11 Ggr und 8 Pfg von Eschershausen an “den Herrn Stadtrath Wedekind zu Wolfenbüttel”. Der Abschlag des ersten Langstempels von Eschershausen datiert die Briefhülle auf den Zeitraum 1809-1848. Taxierung: Postvorschussbetrag plus 9 Pfg Briefporto für die Entfernung von 9 Meilen nach dem Tarif von 1849 sowie 3 Pf Bestellgeld. Auf die 6 Pfennige Procura-Gebühr je ½ Thaler wurde hier anscheinend verzichtet; der Empfänger hatte somit nur 12 2/3 Gute Groschen zu zahlen.

    Einmal editiert, zuletzt von Papiertiger (4. August 2026 um 22:02)

  • Ja - interessant und schwierig. Denn der notierte Auszahlungsbetrag enthält einen Aufschlag von nur 1 Ggr auf den Postvorschuss - und das geht eigentlich nur, wenn der Brief in das Jahr 1849 oder später fällt, als das Porto für Briefe bis 10 Meilen von 18 Pf auf 9 Pf reduziert wurde. Damit blieben noch 3 Pfg für das Bestellgeld, aber nichts mehr für Procura.

    Der Stempel sieht sicherlich sehr abgenutzt aus, von daher könnte es sich durchaus um eine Spätverwendung handeln (H. Bade gibt ja 1848 als letztes Verwendungsjahr an). Dennoch liess mir das keine Ruhe und ich habe den Brief noch einmal herausgesucht. Und siehe da: er hat einen Vermerk auf der Rückseite, und in Tinte, nicht Rötel! Hat also die zustellende Post einen vermeintlichen Fehler bemerkt und korrigiert?

    Ich lese da "1 Ggr 8 Pfg", was mit dem Aufschlag von 1 Ggr auf der Vorderseite aber immer noch nicht ganz passt: denn 6 Pfg Procura, 1 Ggr 6 Pfg einfaches Porto, 3 Pfg Bestellgeld ergäben nur 2 Ggr 3 Pfg, nicht 2 Ggr 8 Pfg. Und selbst wenn der Brief etwas schwerer gewesen wäre, hätte er gleich 9 Pfg mehr gekostet (1.5x), nicht 5 Pfg. Wer hat hier bessere Ideen?

  • Leider habe ich von den Vorschriften bzw. Taxen in Braunschweig keine Ahnung. Die Rückseite mit anzuschauen ist auf jeden Fall wichtig. Dort wurden häufig auch - zumindest gilt das für Bayern - die Progressionsstufen notiert.

    Den siegelseitigen Vermerk lese ich ebenfalls so. Gibt es eine frühere Tarifperiode, für die die Berechnung passen würde?

    Viele Grüße

    kreuzer

  • Hallo kreuzer!

    Es ist vor allem Werner Steven zu verdanken, dass Postverordnungen und Zirkulare von Braunschweig ziemlich lückenlos auf der "Projekt Postverträge" des DASV zu finden sind. Er hat diese auch sehr gut auf der folgenden Wiki-Seite zusammengefasst:

    Postgeschichte und Briefmarken Braunschweigs

    Daraus erkennt man sehr schnell, dass wegen des verwendeten Stempels maximal zwei Portoperioden für inländische Postvorschüsse in Frage kommen: 1) die Postverordnung vom 1.4.1833, oder 2) die Postverordnung vom 24.6.1849. Wichtigstes Merkmal letzterer war eine Portovereinfachung und -senkung, weshalb ich glaube, dass der obige Brief gerade schon in diese Periode fällt - denn sonst sind die Beträge noch schwerer erklärbar.

    VG, Papiertiger

  • Hallo Papiertiger,

    sehr interessant. Aber dann wird es wohl einer der Fahrpostbriefe sein, bei denen man nicht mehr vollständig klären kann, was damals berechnet wurde und vor allem warum.

    Habe davon leider auch ein paar (bayerische).

    Viele Grüße

    kreuzer

  • Heute mal leichtere Kost. Interessant ist hier, dass der Postbeamte am Abgabeort (Rötel) die Berechnung am Aufgabeort (blaue Tinte, auch für das Datum) bestätigt. Dies ist bei braunschweigischen Briefen in andere Staaten eigentlich immer der Fall (zum Teil sicherlich wegen einer Währungsumrechnung), bei Inlandsbriefen aber nicht immer.

    Herzogliche Dienstsache mit Postvorschuss von 9 Guten Groschen und 8 Pfennigen von Hasselfelde “An das herzogliche Amt” in Blankenburg. Der vierte Langstempel von Hasselfelde wurde von 1836-1852 verwendet, der Briefinhalt datiert den Brief allerdings exakt auf den 4.10.1849. Taxierung: Entfernung 1 ¾ Meilen, aber portofrei; der Empfänger hatte insgesamt 10 1/6 Gute Groschen zu zahlen (Postvorschussbetrag plus 6 Pfennige Procura-Gebühr je ½ Thaler). Die Nummer 3950 ist übrigens keine Manualnummer; denn sie findet sich auch in dem Brief selbst, ist wohl eher als Zähler der eigenen Korrespondenz vom Absender verwendet worden.

  • Hallo Papiertiger,


    auch ein interessanter Brief mit der Taxierung am Abgangs- und Empfangsort. Bei der 3950 dürfte es sich um eine Akten- oder interne Registraturnummer der Behörde handeln ( bei Bayern hat man diese meist links unten notiert. Manualnummer sollte die 8 rechts oben sein. Wenn der Brief bei einer Umkartierung tatsächlich eine andere Manualnummer erhalten hätte, wäre die zuerst vergebene zu streichen gewesen.

    Viele Grüße


    kreuzer



  • Rechteckstempel BLANKENBURG, verwendet ab 1852 in blauer und schwarzblauer Stempelfarbe, auf Paketbegleitbrief mit Inhalt vom 9. September 1852 mit Postvorschuß (Postauslage).

    Der Postvorschuß betrug 2 Ggr. (s. unten links). Hinzu kamen die Procura-Gebühr mit 1/2 Ggr. = 2 1/2 Ggr. (s. Rotstiftver-merk), das Porto von Blankenburg nach Harzburg bei einer Entfernung von 3 3/4 Meilen und einem Paketgewicht von 18 Loth mit

    2 Ggr. (4-facher Portosatz), so daß vom Empfänger 4 Ggr. 6 Pfg zu zahlen waren (s. Vermerk mit Blaustift bzw. roter Tinte).

  • Sehr schöner Brief, Danke für das Zeigen! Der 4-fache Portosatz ergab sich aus der Taxierung als schwerere Briefsendung bzw. Akten; diese wurden ja von normalen Paketen unterschieden.

    Interessant an dem Brief finde ich, dass der zu zahlende Betrag zweimal auf der *Siegelseite* des Briefes vermerkt wurde - und dass *drei* Taxvermerke in unterschiedlicher Farbe erfolgt sind! Dabei handelt es sich ja hier eigentlich um einen inländischen Brief/Sendung. Ich frage mich aber, ob das damit zu tun hat, dass das Paket von Blankenburg über die seit 1843 verfügbare Zugverbindung Halberstadt-Harzburg lief? Dann käme der blaue Vermerk vielleicht von der Paketannahme in Halberstadt (Preussen).

  • Und es geht weiter mit einem Brief mit “Postauslage” von 3 Thalern, 7 Guten Groschen und 6 Pfennigen und einem Gewicht von 1 3/8 Loth aus Braunschweig an den Herrn Pastor Wicke zu Gandersheim.

    Die Kennzeichnung des Aufgabeorts mit dem Bogenstempel Type I (kleine Zahlen) erlaubt nur eine Datierung der Briefhülle auf den Zeitraum 1828-1850. Taxierung: Postvorschussbetrag plus 42 Pfennige Procura-Gebühr für bis zu 7 halbe Thaler plus Briefporto von 3 Ggr (1 Ggr 6 Pfg für die Entfernung von 7 ½ Meilen, aber Gewichtsprogession 2) und 3 Pfennige Bestellgeld; der Empfänger hatte somit insgesamt 3 Thaler, 14 Ggr und 3 Pfg zu zahlen.

    Die gekritzelten Zahlen ganz unten sind übrigens Teil einer Nachrechnung in roter Tinte; auch hier fand also eine siegelseitige Kontrollrechnung/Bestätigung der Summe statt. (Der Brief wurde möglicherweise später umgefaltet.)

  • Bei vorherigen Brief sieht man auch schön, dass der Postbeamte am Aufgabeort sich nicht nur auf Kopfrechnen verlassen hat: er schrieb in Rötel, allerdings in kleinen Zahlen, die fällige Procura-Gebühr von 3 Ggr und 6 Pfg an.

    Weiter geht es heute deshalb mit einem 1 3/4 Loth schweren Postvorschuss-Brief aus Königslutter, auf dem der Postbeamte dort ebenfalls die Procura-Gebühr an ähnlicher Stelle (unterhalb des vom Kunden gewünschten Betrags) vermerkte:

    Privatbrief mit Postvorschuss von 10 Ggr und 4 Pfg von Königslutter an das herzogliche Amt in Helmstedt. Die Kennzeichnung des Aufgabeorts mit dem Einkreisstempel erlaubt eine Datierung der Briefhülle auf den Zeitraum 1836-1852. Taxierung: Postvorschussbetrag plus Briefporto von 15 Pfg (6 Pfg für die Entfernung von 1 ¾ Meilen, Gewichtsprogession 2.5x für Gewicht von 1 ¾ Loth) sowie 6 Pfg Procura-Gebühr je ½ Thaler; der Empfänger hatte somit 12 1/12 Ggr zu zahlen. Siegelseitig finden sich keine weiteren Vermerke.

  • Der folgende Brief gewinnt zwar keinen Schönheitspreis, ist aber gerade deswegen interessant: Denn der Postbeamte in Braunschweig versuchte wohl erst einen Abschlag mit dem alten und anscheinend sehr verschmutzten Bogenstempel mit grossen Ziffern (aus dem Jahr 1830), machte dann aber einen zweiten Abschlag mit dem grossen Zweikreisstempel, der wohl ebenfalls auf seinem Schreibpult lag.

    Herzogliche Dienstsache mit Postvorschuss von 3 Ggr von Braunschweig an das herzogliche Amt in Holzminden. Der wohl wegen der Unleserbarkeit des Bogenstempels erfolgte Abschlag des grossen Zweikreisstempels datiert den Brief auf den Zeitraum 1841-1842. Taxierung: Entfernung 12 Meilen, aber portofrei; der Empfänger hatte insgesamt nur 3 ½ Ggr zu zahlen (Postvorschussbetrag plus 6 Pfennige Procura-Gebühr je ½ Thaler). Der Betrag wurde am Empfangsort in roter Tinte bestätigt.

  • Danke, Dieter!

    Und weiter geht unsere Reise... Heute ein Dienstbrief zwischen Dienststellen der braunschweigischen Forstbehörde, die 1832 als "Direction der Forsten und Jagden" eingerichtet wurde und bis 1922(!) existierte. Eine Umbenennung im Jahr 1850 erlaubt eine Zuordnung dieses (portofreien) Briefs in die Portoperiode 1833-1849.

    Dienstbrief der “Direction der Forsten und Jadgen” in Braunschweig (Papiersiegel) mit Postvorschuss von 2 Ggr an den Forstmeister Wolff und Forstreferendar Uhde in Holzminden. Der Abschlag des schwarzen Stundenstempels unter dem Bogenstempel datiert den Brief auf den Zeitraum 1842-1851 und das Siegel auf die Zeit vor 1850. Taxierung: Entfernung 12 Meilen, aber portofrei; der Empfänger hatte insgesamt 2 ½ Ggr zu zahlen (6 Pfg Procura-Gebühr je ½ Thaler).