Bayern Quadratausgaben - Rätselhafte Adressüberschreibungen aus Marktsteft

  • Liebe Freunde,

    Ein Sammlerfreund schickt mir Scans von drei Briefen aus gleicher Korrespondenz von Marktsteft nach Windsheim, bei denen die Adresse jeweils teilweise überschrieben ist.

    Brief 1: Drucksache vom 18.6.1851, 1 Kr. schwarz, verkauft bei Köhler mit dem Hinweis "Adresse überschrieben" als Mangel

    Brief 2: Drucksache vom 12.3.1850, 1 Kr. schwarz, angeboten bei Gärtner

    Brief 3: Drucksache vom 19.1.1851, 1 Kr. schwarz, angeboten bei Kirstein

    Genauere Angabe zu den Briefen kann ich leider nicht machen. Was bei allem dreien auffällt, ist, dass an dem Familiennamen des Empfängers herumverbessert wurde. Als "Überschreibung", wie sie in späterer Zeit von Sammlern zur optischen Aufhübschung des Öfteren unternommen wurden, würde ich das nicht bezeichnen. Ich glaube, dass diese "Korrekturen"(?) aus der Zeit stammen, kann mir aber nicht den geringsten Reim darauf machen. Hat jemand irgendeine Erklärung?

    Viele Grüße

    Peter

    "Ein Leben ohne Philatelie (und Katzen) ist möglich, aber sinnlos!" (frei nach Loriot, bei dem es allerdings die Möpse waren - die mit vier Beinen wohlgemerkt)

  • Lieber Peter,

    auch ohne die 3 DS gesehen zu haben: Der 1. Vorname lautet "Samuel" und deutet auf einen jüdischen Empfänger hin.

    Teils weiß ich von heute nicht mehr unter uns weilenden Sammlern, dass man zu gewissen Zeiten jüdische Namen zu tilgen suchte.

    Was auch sein konnte: Man schmuggelte aus einem Archiv Stücke und veränderte die Anschrift, um so zu verhindern, dass die dann als Eigentum angebotenen Stücke nicht mehr so leicht zurück verfolgt werden konnten.

    Liebe Grüsse vom Ralph


    "Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen." Vicco von Bülow aka Loriot.

    "Great minds discuss ideas; average minds discuss events; small minds discuss people." Eleanor Roosevelt.

  • Hallo Peter,

    da hat sich wohl jemand damals einen Spaß daraus gemacht, die Adressen unterschiedlich zu verfälschen.
    Ich könnte mir vorstellen, dass vor Weitergabe der Belege an jemand anderen ein Familienangehöriger in einem Anfall von frühem Datenschutz versucht hat, den Adressaten Samuel Friedrich Stellwag zu verschleiern.

    Bereits im 16. Jahrhundert wurde die Ratsherrenfamilie Stellwag der freien Reichsstadt Windsheim urkundlich erwähnt. Auch heute noch gibt es Nachkommen der Familie in Bad Windsheim.

    Viele Grüße
    Gerd

    P.S.: An einen jüdischen Background glaube ich angesichts der Ratsherren-Vergangenheit eher nicht. Damals waren alt-biblische Vornamen auch in evangelischen Kreisen üblich, und Windsheim war als freie Reichsstadt eine der ersten protestantischen Städte.

    2 Mal editiert, zuletzt von Mittelfranke (27. Januar 2026 um 11:31)

  • Lieber Peter,

    diese Überschreibungen könnte man auch als eine Art Datenschutz avant la lettre auffassen. Man sieht sie z.B. bei Philasearch auf klassischen Briefen (etwa aus Frankreich) immer wieder. Entweder wurden sie von jenen Leuten aufgebracht, die die Briefe in den Handel gaben (vielleicht vor der handelsrechtlichen Aufbewahrungsfrist von zehn Jahren?) oder vom Briefmarkenhandel selbst, um seine Quellen zu verschleiern. Ralphs Argument mit den jüdischen Namen möchte ich auch nicht ganz von der Hand weisen, aber dazu müsste man erst mehr Material zusammentragen.

    Viele Grüße aus Erding!

    My, you’re big and strong.
    —Actually it’s the tailor, and I come from a long line of pygmys.

    From “The Saint Steps In” with Roger Moore, br. November 1964

  • Hallo Sammlerfreunde,
    ich sehe das auch so, es ist keine zeitgerechte Veränderung des Namens.
    Ich kenne eine ganze Reihe Briefe mehr an diesen Adressaten, bei denen der Name verändert wurde.
    Das gibt es häufig auch auf Briefen an die Gebrüder Wertheimber in Frankfurt.
    Gruß
    bayernjäger

  • ... und, vergessen zu erwähnen, es gibt auch beiden aus stattlichen Korrespondenzen: Einige mit verändertem Namen (Wertheimber in Frankfurt am Main ist ein gutes Beispiel), während andere Briefe unverändert blieben.

    Von einem gräflichen Archivleiter weiß ich aus 1. Hand, dass es Diebstähle gab, bei denen ein Angestellter das Material 100 km weiter mehreren Händlern angeboten und verkauft hatte (wohlgemerkt nach Gewicht!). Dann wurde der Dieb gefaßt und sofort entlassen (ins Café Viereck).

    Jahre später sind Familienangehörige mit Erlaubnis seiner Erlaucht in das Archiv gegangen (seit dem 14. Jahrhundert praktisch nie geplündert) und haben einfach "nette Urkunden und hübsche Briefe" kiloweise entnommen und zuhause gelagert bzw. verschenkt an Freude und Nachbarn; ein kleiner Teil wohl auch an Händler und Sammler verkauft.

    Dabei gab es etliche Stücke, die überschriebene Namen zeigten, aber auch solche, wo der Name herausgeschnitten wurde und der Inhalt entsorgt wurde, um zu verschleiern, woher die Briefe ursprünglich kamen.

    Liebe Grüsse vom Ralph


    "Der beste Platz für Politiker ist das Wahlplakat. Dort ist er tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen." Vicco von Bülow aka Loriot.

    "Great minds discuss ideas; average minds discuss events; small minds discuss people." Eleanor Roosevelt.

  • Liebe Freunde,

    ich danke Euch für Eure profunden Beiträge.

    Beste Grüße

    Peter

    "Ein Leben ohne Philatelie (und Katzen) ist möglich, aber sinnlos!" (frei nach Loriot, bei dem es allerdings die Möpse waren - die mit vier Beinen wohlgemerkt)