• Liebe Sammlerfreunde,


    zum 1.7.1858 trat der neue PV Bayerns mit Frankreich in Kraft. Weil das Franko für einfache Briefe bis 10g auf 12 Kr. fest gesetzt worden war, und die 18 Kr. Marke nicht mehr für die Masse der Briefe passte, wurde die rote 12 Kr. Marke emittiert.


    Ob es Ersttagsbriefe mit dieser Marke damals gab, darf bezweifelt werden. Vom Juli 1858 kenne ich keinen Brief bzw. keinen Abschlag auf einer Marke.


    12 Kr. waren aber auch innerbayerische möglich und auf Briefen in den Postverein bzw. die Schweiz.


    Beginnen möchte ich mit einem Brief aus Fürth vom 6.4.1861 nach Lyon, der vertragsgemäß mit "1 P" oben links für "premier port" markiert wurde. Die Teilung des Frankos zwischen Bayern und Frankreich war 40 zu 60, so dass Bayern 4,8 Kr. und Frankreich 7,2 Kr. verblieben.


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

  • Eine weitere Möglichkeit diese Marke als Einzelfrankatur zu nutzen, also richtig zu nutzen, bestand bei Sendungen in die Schweiz, wobei Spezialisten mehrere Varianten unterscheiden:


    2. Rayon Bayerns zu 6 Kr. in den 2. Rayon der CH zu 6 Kr..
    3. Rayon Bayerns zu 9 Kr. in den 1. Rayon der Ch zu 3 Kr..
    1. Rayon Bayerns 2. Gewicht zu 6 Kr. in den 1. Rayon der CH zu 6 Kr..
    Drucksache der 6. Gewichtsstufe zu 6 Kr. für Bayern und 6 Kr. für die CH (wäre schön, so etwas mal zu sehen).


    Hier haben wir einen Brief vor uns, der aus Burgau stammt undam 30.8.1862 nach Luzern gerichtet war. Offenbar war nicht klar, ob er frankiert oder unfrankiert versandt werden sollte. Daher notierte der Expeditor in Burgau 6 Kr. für Bayern / 6 Kr. für die Schweiz. Das wäre dann vom 2. Rayon Bayerns in den 2. Rayon der CH gewesen. Da nach dem Vertrag mit der CH Porto und Franko gleich war, hätte er also total 12 Kr. gekostet.


    Warum auch immer - man strich die Porti ab und frankierte mit 12 Kr. mittig den Brief. Hierbei wurde es unterlassen, die seit dem 1.9.1859 gültige Regelung zu beachten, wonach der Grenztaxpunkt nicht mehr als die Mitte von Lindau - Konstanz anzusehen war, wonach es 6 Kr. je Postverwaltung gekostet hätte, sondern der Grenztaxpunkt mit der Mitte von Basel - Schaffhausen, wonach der Zielort nur 3 Kr. Schweizer Porto kosten sollte.


    Dass diese Rechnung korrekt war, bestätigte die CH Post mit der Rötel des Weiterfranko von 3 Kr., denn von dem Grenztaxpunkt Basel - Schaffhausen war der Zielort bis 10 Meilen entfernt. Der Expeditor hatte dem bayerischen Absender also 3 Kr. zuviel abgeknöpft.


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

  • Hallo,


    dieser Brief dürfte einigen auch schon bekannt sein aus einem anderen Forum, aber auf bk's Vorlage passt er so gut...
    Brief aus Würzburg nach Zürich vom 18. Juli 1862, mit 12 Kr. korrekt frankiert für den III. bayer. Rayon (9 Kr) und den I. schweizer Rayon (3 Kr.). Der schweizer Anteil von 3 Kr ist vorderseitig mit Rötel notiert.

  • Hallo mikrokern,


    den Brief könnte ich mir den ganzen Tag anschauen, so schön ist der. :)


    Kannst du, auch wenn dies kein klassischer PO - Thread ist, die Siegelseite zeigen? Mich interessiert der Laufweg, denn es müsste einen badischen Bahnpoststempel hinten geben und evtl. den Eingangsstempel von Basel.


    In der Zwischenzeit kann ich nur mit dem hier kontern: Brief der 2. Gewichts- und Entfernungsstufe von München eingeschrieben nach Nürnberg. Als 18 Kr. Frankatur auch keine Massenware. Der Insider wird feststellen, dass der am Chargéschalter bis 1859 übliche gM 325 hier dem offenen Mühlradstempel weichen musste und auch der alte Zweikreisstempel Münchens vom Zweizeiler abgelöst worden war.


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

  • Hallo bayern klassisch,


    freut mich, dass Dir das Briefchen gefällt... ;)
    Rückseite wie gewünscht; Stempel aus Zürich und Fluntern (heute Stadtteil von Zürich). Warum erwartest Du einen Durchgangsstempel von Basel? Das war doch nicht der Laufweg! ?(
    Übrigens: kleiner typo, was die Beschreibung Deines wunderschönen 12 Kr-Briefes von München nach Nürnberg betrifft (12 Kr-Frankatur, nicht 18...)

  • Hallo mikrokern,


    doch, eigentlich hätte ich einen badischen Bahnpoststempel und den Eingangsstempel von Basel erwartet. Nach einer bayer. VO sollten Briefe von Unterfranken den badischen Bahnposten zukartiert werden, und diese tauschten nur mit Basel aus.


    Es gibt aber ab und zu um diese Zeit Briefe von dort, die über Frankfurt (!) laufen, während andere über Lindau exstradieren. Eine VO hierüber habe ich noch nicht gefunden, nehme aber an, dass es mit der Abfahrt der Züge von Würzburger Bahnhof zusammen hing.


    Weil du so artig die Rückseite gezeigt hast, verwöhne ich dich mal mit einer 4. Gewichtsstufe innerbayerisch aus Brannenburg nach Rosenheim. Hier ist schon verwunderlich, warum ein solch kleiner und unbedeutender Postort überhaupt 12 Kr. Marken führte (Erlangen tat das z. B. nicht und hatte ein vielfaches Postaufkommen).


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

  • Hallo bayern klassisch,


    vielen Dank fürs Zeigen dieses wunderschönen Briefes!! :P
    Könnte es sein, dass der Absender, die Rentnerverwaltung, aufgrund ihrer Korrespondenzen Vorräte von Marken höherer Nennwerte von woanders, z.B. München oder Rosenheim, bezogen hatte, die dann "zu Hause" verwendet wurden? Oder man hat dem PE in Brannenburg aufgrund der Vielzahl hochgewichtiger Briefe nahegelegt, derart "praktische" Marken zu beziehen?

    Beste Grüsse vom
    µkern

  • Hallo mikrokern,


    ob ein Absender, der häufig teure Briefe zu verschicken hat, sich 12 Kr. Bögen zu Hause hinlegt, ist möglich, aber fraglich. Ein Bogen mit 45 Marken kostete ja schon 9 Gulden und so häufig waren diese Briefe, zumindest in der 4. Gewichtsstufe, schon damals nicht.


    Zumal auch die Posttarife in der Regel nur den Firmen zu wissen vorbehalten war, die Privaten, wie auch hier, verstanden davon eher wenig und bedurften der Absicherung des zu klebenden Frankos durch die Post.


    Ein Privater konnte aber keinen Expeditor zwingen, für ihn Markenbestände vorrätig zu halten, die dieser sonst nicht brauchte. Wenn es einen oder mehrere Vielschreiber in Brannenburg gegeben hätte, würden wir viele 12 Kr. Marken mit diesem Mühlradstempel kennen. Das ist aber nicht der Fall (oder sie haben sich die letzten 30 Jahre hervorragend versteckt auf dem Weltmarkt). ;)


    Prinzipiell waren die Expeditoren verantwortlich für die Markengattungen und die Höhe des Markenvorrates, den sie bei sich im Postlokal lagerten. Kein Expeditor war gezwingen, eine Gattung vorrätig zu halten, die für ihn weitestgehend nutzlos war. 1, 3, 6 und 9 Kr. zu besitzen war sinnvoll, höhere Werte nur bei Bedarf.


    Auf der anderen Seite war es einfacher, eine Marke à 12 Kr. zu verkaufen und aus dem Bogen zu schneiden, als 4 Marken à 3 Kr.. Vlt. hat unser Brannenburger Expeditor auch nur kurz ein Experiment gewagt, ganz wenige Bögen bestellt bei seinem zuständigen Bezirksamt und es dann mangels Nachfrage wieder sein lassen. Von den meisten PE Bayerns gibt und gab es keine 12 Kr. rot Verwendungen, weil die Marke für sie praktisch überflüssig war. Selbst wer häufig nach Frankreich schrieb, nahm gerne 2 übliche 6 Kr. Marken, was ja nie ein Problem war. Die Kombinationen 9 + 3 Kr. bzw. viermal 3 Kr. sind da wesentlich seltener und in der Masse dem Fehlen höherer Nominalen geschuldet.


    Damit das Wochenende ohne rote Zwölfer nicht zu langweilig wird, hier mal eine Farbfrankatur, die zu erklären etwas Hintergrundwissen benötigt, aber davon hat dieses Forum mehr als genug. :)


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

  • Hallo bayern klassisch,


    sehr interessanter Belgien-Brief!
    Erklärungsversuch: Mit dem Postvertrag vom 1. April 1852 musste der Brief über Preussen entweder unfrei oder voll frankiert werden. Dabei fielen 9 Kr Postvereinsfranco sowie 7 Kr für Belgien, also die verklebten 16 Kr an. Der Belgien zustehende Anteil entsprach 20 Ct = 2 Silbergroschen, die vorderseitig notiert wurden. Die in Speyer versehentlich ungestempelt gebliebene Marke wurde nachträglich mit Federzug entwertet.
    Vielleicht hat der Absender auch zunächst nur 13 Kr geklebt, da er der Ansicht war, in Speyer noch in den Genuss des Vorzugstarifs von 6 statt 9 Kr für pfälz. Postorte mit einer Distanz von <= 20 Meilen bis zur belgischen Grenze zu kommen, was sich bei der Einlieferung des Briefes aber als falsch erwiesen hat, worauf die 3 Kr-Marke nach der Entwertung der beiden anderen Marken mit dem oMR aufgeklebt, ihrerseits zunächst aber unentwertet blieb.
    Für mich offen bleibt die Klärung, ob nicht 13 Kr gereicht hätten, da der belgische Anteil für die Destination Lüttich (laut Angabe im Buch von Dr. Zangerle) 4 statt 7 Kr betragen hat.
    Interessant auch die Tatsache, dass seit dem 1. Juli 1858 der Tarif bei Leitung über Frankreich nur 15 Kr betrug, und Dein Brief - für den Fall eines Gewichts bis 7.5 Gramm - ja eigentlich hätte so spediert werden können, da die rote 12 Kr-Marke eine Verwendung nach dem 1. 7. 58 suggeriert. Für einen Brief über 7.5 Gramm war diese Variante aber uninteressant...

    Beste Grüsse vom
    µkern

    2 Mal editiert, zuletzt von mikrokern ()

  • Hallo mikrokern,


    deine Beschreibung ist richtig - der Brief war überfrankiert worden.


    Vermutlich hatte man Angst, unter zu frankieren und klebte sicherheitshalber mit 3 Kr. den scheinbarl fehlenden Frankoteil nach.


    Die Leitung über Frankreich nach Belgien war grundsätzlich möglich, wurde aber nur auf Anforderung gewählt. Die Postvereinsstaaten waren ja gehalten, möglichst direkt ihre Korrespondenzen den vertragsschließenden deutschen Postverwaltungen zuzukartieren, so dass immer die Leitung über Preußen nach Belgien favorisiert wurde, zumal Frankreich dummerweise auf 7,5g Schritten beharrte, wohingegen die Postverträge Preußens mit Belgien das Zollloth vorsahen.


    Angeblich soll es nur einen Brief von Bayern über Frankreich nach Belgien geben. Auch eine Bestätigung durch Abstimmung mit den Füßen.


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo Freunde,


    Dann will ich auch was Länderkundliches zeigen. Das ist bei mir sozusagen ein Teil der Einleitung, ehe es dann mit der Stempelthematik losgeht.


    Viel Freude bei der Betrachtung wünscht maunzerle :thumbsup:

    Bilder

    "Ein Leben ohne Philatelie (und Katzen) ist möglich, aber sinnlos!" (frei nach Loriot, bei dem es allerdings die Möpse waren - die mit vier Beinen wohlgemerkt)

  • Hallo in die Runde,


    nachdem es hier gerade so richtig schön zur Sache geht, möchte ich mich mit der o.a. Destination anschließen, einem Minibriefchen (11 cm x 7,5 cm).


    Vielleicht kann sich noch jemand einen Reim aus dem schlecht leserlichen Stempelansatz auf der Rückseite links machen (evtl. ein Abklatsch vom HK Landau ?).


    Schönes WE wünscht noch


    der Pälzer

  • Lieber maunzerle,


    um 4 so schöne 6er mit geschlossenen Mühlradstempeln zu bekommen, muss man schon eine Weile suchen - von dem Traumbrief ganz zu schweigen. So macht Bayern vieeel Spaß. :P


    Hallo Pälzer,


    du hast Recht - hinten ist ein spiegelverkehrter Abschlag des Landauer Halbkreisstempels zu sehen. Wenn du Lust hast, kannst du ja mal einen Brief mit der Nr. 6 nach Frankreich kaufen, der nicht über Forbach lief. Da blieben zwei Möglichkeiten ...


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo zusammen,


    hallo Pälzer, ein hübscher Minibrief an eine Dame das hat doch so etwas. Vielleicht ist ja der Inhalt noch da.


    Hallo maunzerle, da braucht es eine ganze Menge Geduld bis so eine sagenhafte Seite zustande kommt. Gratulation :thumbsup: :thumbsup:


    Mit einer 4. Gewichtsstufe kann ich auch dienen. Von Weilheim (geschlossener Mühlradstempel 567) geht der mit 2 Beilagen beschwerte Brief an das 3 Meilen entfernte K. Landgericht im oberbayrischen Starnberg.


    Grüße aus Frankfurt
    hasselbert

  • Hallo hasselbert,


    Da ist doch Dein Brief tatsächlich noch ein wenig schöner als meiner. :thumbup:



    sagt ohne Neid


    maunzerle :thumbsup:

    "Ein Leben ohne Philatelie (und Katzen) ist möglich, aber sinnlos!" (frei nach Loriot, bei dem es allerdings die Möpse waren - die mit vier Beinen wohlgemerkt)

  • Hallo zusammen,


    hallo maunzerle,


    Schönheit ist gottseidank eine rein persönliche Ansichtsangelegenheit. Ich habe den Brief ja deshalb in meiner Sammlung, weil er innerbayrisch 4. Gewichtsstufe ist und weil er mir sehr gut gefallen hat. Das Dein Brief auch nicht ohne ist, haben mit ihrem Stempel folgende Fachleute bestätigt a) unter der Marke rechts der bekannte Kölner Raritätenhändler Drahn (Ferrari war sein Kunde), b) unten links Georg Bühler und c) unten rechts der Klassikkenner schlechthin Franz Pfenninger.


    Hallo Pälzer,


    Dein Brief ist ebenfalls unten rechts durch Herrn Pfenninger geadelt worden.


    Grüße aus Frankfurt
    hasselbert

  • Hallo zusammen!


    Oho, schon mehr als 2 Monate nichts mehr los gewesen hier, dann zeige ich doch schnell mal ein paar Stücke aus der MR-Sammlung.


    Schöne Grüße vom bayernfarbenvielfaltverrückten
    Bayern-Nerv Volker

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    Nimm dir im Leben ruhig die Zeit zum Sammeln und genieße einen guten Wein, denn die gesammelte Zeit nimmt dir irgendwann das Leben und dann wird man um dich weinen. (V.R.)


    Bayernfarbenvielfaltverrückt - warum nicht?