Österreich - Bayern Postbetrug

  • Liebe Freunde,


    folgender Brief scheint von mir auf den 1. Blick in dem falschen Forumsordner eingestellt worden zu sein, aber eben nur auf den 1. Blick ...


    [Blockierte Grafik: http://s3.imgimg.de/uploads/49489d48558f5jpg.jpg]


    Im österreichischen Schärding schrieb man am 27.4.1850 einen Brief nach Mittenwald an der Isar in Bayern. Nach dem PV vom 1.10.1842 wäre das ein einfacher Brief der 2. Entferungungsstufe gewesen, der den Empfänger 15 Kr. rheinisch gekostet hätte (oder als Frankobrief 12 Kr. CM).


    Der Absender notierte aber oben "Von Scheerding" und trug den Brief über den Inn nach Neuhaus in Bayern. Dort wurde er nach dem Regulativ vom 1.1.1843 als einfacher, bis 1/2 Loth schwerer Inlandsbrief über 12 - 18 Meilen mit 6 Kr. (oben links) taxiert, womit man sich satte 60% Portokosten sparte. Für einen Spaziergang von etwas 500m einfach war das eine schöne Stange Geld.


    Zwar war die Aufgabe verschlossener Briefe wegen des Postzwanges nur im jeweiligen Inland gestattet, doch interessierte das die bayer. Post nicht sonderlich, obwohl sie bei einer Aufgabe in Schärding die Hälfte von 15 Kr. rheinisch bekommen hätte, was 1,5 Kr. mehr war, als auf diese erschwindelte Weise.


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Liebe Freunde,


    ein Brief aus dem österreichischen Reutte wurde am 1. Juni 1849 an die Firma C. A. Kummer in Füssen gerichtet. Der Absender ging über die nahe Grenze und gab ihn als Ortsbrief auf.


    Als wäre das nicht schon Besonderheit genug, wurde er am Folgetag in Füssen Aufgabe gestempelt, auf die Taxierung aber verzichtet.


    Vor dem 1.7.1849 gab es in Bayern keine Postgebühren für Ortsbriefe, weil die Behandlung derselben allein ins Ermessen der lokalen Postexpeditoren gestellt war und diese verlangten üblicherweise 2x, also einen Kreuzer weniger, als der niedrigste Tarifsatz für Taxbriefe.

  • Lieber bayern klassisch,
    Das hat man nicht oft, dass man für einen kleinen Spaziergang auch noch pekuniär so reich belohnt wird :D ^^ .


    Liebe Grüße von maunzerle :thumbsup:

    "Ein Leben ohne Philatelie (und Katzen) ist möglich, aber sinnlos!" (frei nach Loriot, bei dem es allerdings die Möpse waren - die mit vier Beinen wohlgemerkt)

  • Lieber maunzerle,


    und das, obwohl uns der Welt höchste Instanz, Hollywood, doch immer einbläut: "Crime doesn´t pay". 8o

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Liebe Freunde,


    Briefe entgegen des Postzwanges sind immer Highlights einer jeden Sammlung, so auch hier. Therese, die Schwester des Empfängers, war eine sehr umtriebige Frau und sie hatte nur wenig Zeit, diesen Brief an den Baron von Malsen in Marzoll bei Bad Reichenhall aufzugeben. Auf die Post zu gehen, oder jemanden nach dorthin zu schicken, war ihr auch zu viel, daher notierte sie unten: "durch eigenen Bothen" und gab für einen unbekannten Betrag jemandem diesen Brief verschlossen mit.


    Die Strecke Salzburg, wo sie gerade war, bis Marzoll, betrug gut 18 Kilometer und so hätte der Brief vom 2.6.1845 nach dem Postvertrag Österreichs mit Bayern vom 1.10.1842 ein Franko von 6 Kreuzern Conventionsmünze bzw. ein Porto beim Empfänger von 7 Kreuzern rheinisch gekostet. Ob es der uns leider heute unbekannte Expresse = eigener Bote günstiger machte?

  • Ob es der uns leider heute unbekannte Expresse = eigener Bote günstiger machte?


    Lieber Ralph,
    Das ist wohl eher nicht anzunehmen, oder?


    Auf jeden Fall ein bemerkenswerter Brief, aber ob man dabei wirklich von Postbetrug reden kann? da bin ich mir jetzt nicht so sicher wie Du.
    Liebe Grüße von maunzerle :thumbsup:

    "Ein Leben ohne Philatelie (und Katzen) ist möglich, aber sinnlos!" (frei nach Loriot, bei dem es allerdings die Möpse waren - die mit vier Beinen wohlgemerkt)

  • Lieber Peter,


    es wäre ja möglich, dass man einem Freund den Brief mitgegeben hätte - aber das wäre im Brief erwähnt worden. So steht nur etwas von großer Eile usw. darin, so dass ich schon annehmen muss, dass einer für einen gewissen Betrag den Weg nach dorthin machte.


    Nach allen damals gültigen Postverordnungen galt bei verschlossenen Briefen, dass diese der Staatspost aufzugeben hatte. Wäre anders herum ja genauso gewesen ...

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Lieber Ralph,
    Zu den von Dir erwähnten Verordnungen kann ich sogar eine fast unglaubliche Geschichte erzählen. Diese galten nämlich anscheinend bis vor etwa 30 Jahren. Die heutigen Privatposten kamen ja meines Wissens erst später auf.


    Im Jahre 1989 schaffte der Philatelisten-Club Staubing eine Absenderstempelmaschine für markenfrankierte Massendrucksachen an. Geliefert wurde Mite Dezember. Die Einladungen für die JHV Ende Januar sollten schon damit abgestempelt werden, d.h. die Sedungen mussten alsbald raus. Die ganze Geschichte hatte nur einen Haken: Die Fa. Postalia hatte die Postleitzahl im Stempelkopf mit 8400 anstatt mit 8440 angegeben. Da war nun guter Rat teuer. Nach langem Überlegen entschloss ich mich aber doch, die Marken auf den Sendungen mit dem falschen Stempel abzustempeln, in der Hoffnung, dass ich einem der Schalterbeamten die Briefe unterjubeln könnte, ohne dass er den Fehler bemerke. Dem war leider nicht so und ich wurde bei der versuchten Aufgabe entlarvt und sofort zum Postamtsleiter geschickt. Der verweigerte nicht nur die Annahme, sondern wurde unter Verweisung auf das Beförderungsmonopol der Post erst richtig zornig, als ich vorschlug, die Briefe sozusagen selber auszutragen, denn die meisten der Adressaten waren ja leicht greifbar. Das Ganze endete damit, dass mir die Briefe abgenommen wurden und amtlich vernichtet werden sollten.
    Das Erstaunlichste an der Angelegenheit war dann aber, dass ich ungefähr 10 Jahre später vier von diesen Briefen bei den Briefmarkentagen in München in einer Wühlschachtel zum Preis von DM 2,-- wiederfand!?!
    Liebe Grüße von maunzerle :thumbsup:

    "Ein Leben ohne Philatelie (und Katzen) ist möglich, aber sinnlos!" (frei nach Loriot, bei dem es allerdings die Möpse waren - die mit vier Beinen wohlgemerkt)

  • Lieber Peter,


    eine moderne Sensationsstory! Und, wie man sieht, Geschichte wiederholt sich (fast) immer.


    Abgesehen davon - allein der Begriff "Postmonopol" ist ja schon so eindeutig, wie er eindeutiger kaum sein kann, auch wenn es aktuell ein wenig anders ist.

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus