Der Postablagestempel von Kleinensiel

  • Das Dorf Kleinensiel liegt an der Weser und gehört als Bauernschaft zu Rodenkirchen und ist heute Teil der Gemeinde Stadland. Kleinensiel hat heute ca. 800 Einwohner und damit der kleinste Ort der Gemeinde.


    Am 03. Dezember 1855, zur Zeit der grossherzoglich oldenburgischen Post lebten 287 Menschen in Kleinensiel (vgl. Orth, Die Poststempel von Oldenburg, 1911, S. 221). Nur 0,11% der oldenburgischen Post entfiel damals auf den Ort Kleinensiel. Briefe aus Kleinensiel gehören daher zu den grossen Oldenburg-Seltenheiten.


    In Kleinensiel wurde genau wie in Fedderwarden aufgrund des sehr geringen Briefaufkommens lediglich eine Postablagestation geführt. Auch hier wird man die Briefe wahrscheinlich in einer Gastwirtschaft vor Ort aufgegeben haben. Der Gastwirt zog auch hier das Porto für die Briefe ein und leitete diese Portoentgelte an die zuständige Poststation weiter, in deren Bestellbezirk Kleinensiel fiel.


    In Kleinensiel verwendete man einen kleinen einzeiligen und umrandeten Kastenstempel "KLEINENSIEL", der in dieser Postablage auf die eingelieferten Briefe gestempelt wurde. Auch hier ist unklar und bis heute nicht geklärt, woher dieser kleine Poststempel stammt. Auch dieser Stempel wurde nicht durch die Grossherzoglich Oldenburgische Postverwaltung geliefert.


    Paul Orth gibt an, dass er im Zeitraum zwischen dem 8. September 1853 und dem 18. Juni 1857 Briefe mit Abstempelungen dieses Stempels aus Kleinensiel gesehen hat (Orth, S.185. Stpl: "uL").


    Für Kleinensiel hat Paul Orth insgesamt im Laufe der Zeit zwei Poststationen feststellen können, in deren Bestellbezirk Kleinensiel zugeordnet wurde. Orth bezeichnet einen Brief vom 8. September 1853, der in Brake mit dem einzeiligen Rahmenstempel und dem unterstellten Datum von Brake abgestempelt wurde (Orth, S.293, Nr. 137a). In weiteren Briefen vom 14. November bis zum 22. Dezember 1854 erschien dann der einzeilige Langstempel Strohhausen, noch später der zweizeilige Kastenstempel Strohausen auf den Fedderwarden-Briefen (Orth, S. 293, Nr. 137b und 137c).


    Eine Zuordnung zur Poststation Brake - wie von Orth beschrieben - habe ich leider bisher noch nicht gesehen.

    Aus meiner Sammlung (BILD 1 + BILD 2 Prüfbefund) zeige ich hier eine Briefvorderseite mit dem umrandeten einzeiligen blauem Langstempel KLEINENSIEL und dem Langstempel STROHAUSEN und einer Oldenburg Nr. 2 III, die mit Federstrich entwertet wurde. Diese Briefvorderseite stammt sehr wahrscheinlich aus dem Jahr 1854 (vgl. Orth, a.a.O.).


    Ich habe noch einen weiteren Brief (BILD 3) mit einer ganz neuen Zuordnung zur Poststation Abbehausen mit dem zweizeiligem blauem Stempel "Abbehausen 1856 Aug 1" in der BERNSTEIN-Sammlung, 330. Schwanke-Auktion vom 14. Mai 2011, Los-Nr. 741 gesehen. Die hier frankierte Marke Oldenburg Nr. 2 I ist mit dem blauen Langstempel von Abbehausen entwertet. Auch der beigesetzte Stempel von Kleinensiel hat hier eine blaue Stempelfarbe.


    Das wohl "prominenteste Stück" des Kleinensiel-Stempels ist das Briefstück aus der 5. Boker-Auktion von Heinrich Köhler vom 14. März 1987, Los-Nr. 200. Hier ist eine Oldenburg Nr. 2 II auf Briefstück mit einem roten Stempel von Kleinensiel abgestempelt (BILD 4). Dies dürfte wahrscheinlich eine der frühesten Verwendungen des Kleinensiel-Postablagestempels sein, denn die Oldenburg Nr. 2 II wurde letztlich nur in der Anfangszeit bis 1853 verwendet. Nun streiten sich die Gemüter natürlich um zweierlei. Zum einen hatte Kleinensiel keine Marken, d.h. den Stempel "Kleinensiel" gibt es eigentlich nur als beigesetzten Nebenstempel auf Briefen und nie als Abstempelung. Und auch die rote Stempelfarbe ist ungewöhnlich.


    Was die Abstempelung der Oldenburg Nr. 2 II betrifft, ist dies damit erklärbar, dass wahrscheinlich die Marke "eingeschleppt" wurde, d.h. ein Postkunde hatte diese Marke in einer oldenburgischen Poststation erworben und einen mit dieser Marke vorfrankierten Brief bei der Postablage Kleinensiel abgegeben. Der Gastwirt hat dann die Marke mit dem Stempel Kleinensiel abgestempelt. Dies ist gar nicht ungewöhnlich, denn eingeschleppte Marken gibt es auch bei anderen Postablagen. In Zeiten der Postablage WANGEROGE hatte Paul Orth auch festgestellt, dass ihm ein frankierter Brief vom 16. August 1867 vorlag, bei der die Marke bereits auf Wangeroge abgestempelt wurde (vgl. Orth, S. 204, Fn 82). Und selbst in der noch selteneren Postablage SENGWARDEN gibt es eine Oldenburg Nr. 2 I auf Briefstück, bei der die Marke in Sengwarden "eingeschleppt" und mit dem Stempel SENGWARDEN entwertet wurde (BILD 5 - BERNSTEIN-Sammlung, 330. Schwanke, Los-Nr. 779) . Auch dieser Postablagestempel kommt sonst niemals auf Marken vor.


    Zur roten Stempelfarbe dieser Abstempelung ist zu bemerken, dass Paul Orth eine rote Abstempelung von Kleinensiel auf dem ersten Brief von Brake (s. oben, Brief vom 08. September 1853) festgestellt hatte (vgl. Orth, S. 240, 250, Fn. 111). Diese rote Stempelfarbe wurde offenbar in der Anfangszeit verwendet.


    BILD 1 Briefvorderseite mit blauem Postablagestempel von Kleinensiel, dem Langstempel von Strohausen und einer mit Tintenstrich entwerteten Oldenburg 2 III (aus meiner Sammlung)

    BILD 2 Prüfbefund

    BILD 3   Brief mit mit blauem Postablagestempel von Kleinensiel, einem zweizeiligem Rahmenstempel von Abbehausen und einer Oldenburg Nr. 2 I, entwertet mit L 1 von Abbehausen

    BILD 4 Briefstück Oldenburg Nr. 2 II mit rotem Stpl. Kleinensiel

    BILD 5 Briefstück Oldenburg Nr, 2 I mit schwarzem L 1 Sengwarden und blauem Ra2 Jever