Braunschweig in den Postverein

  • Hier nun mein erster Forumsbeitrag: ein vollrandiges, waagrechtes Paar der MiNr 1 auf einem kleinem Postvereins-Faltbrief von Braunschweig nach Magdeburg. Der Brief wurde am Morgen des 18.4.1854 aufgegeben, wie der Zeit-Nebenstempel (“6 1/2 - ? / M”) belegt, und kam noch am gleichen Tag am Zielort an, wie an dem rückseitigen preussischen Ausgabestempel zu erkennen ist. Der Brief ist portorichtig frankiert mit 2 Silbergroschen, da die Entfernung mit 77.3 km knapp in die 2. Entfernungsstufe (10-20 Deutsche Meilen) des DÖPV-Tarifs fiel. Absender des Briefes war die 1851 gegründete Firma J. C. Frey & Schaurig, die anscheinend nicht nur in Braunschweig, sondern auch anderen Orten Zigarrenfabriken besass, und von der einige Briefe und auch Paketbegleitbriefe im Umlauf sind.




    Der Transport erfolgte per Bahn, wie man aus dem dreizeiligen preussischen Kursstempel “Berlin / Minden / 18 4 IR” auf der Rückseite des Briefes erkennen kann. Die Bahnlinie Berlin-Minden begann und endete auf preußischem Gebiet, führte aber durch das Königreich Hannover und das Herzogtum Braunschweig.



    Der Bau des Streckenstücks von Minden nach Magdeburg ging übrigens auf einen Vertrag vom 10. April 1841 zwischen Preußen, Hannover und Braunschweig zurück, wobei die braunschweigische Regierung den Anschluss von Oschersleben bis Wolfenbüttel (53 km) übernahm. Dessen Entwicklung aus zeitgenössischer Sicht ist übrigens wunderbar in der Illustrirten Zeitung, No. 13 (1843), S. 196-197 dokumentiert (Google Books).


    Der Brief hat aus Sammlersicht sicherlich ein paar kleine Schwächen; vor allem den schwachen Stempelabschlag und ein paar Altersflecken. Aber seine Herkunft ist gut dokumentiert (signiert von Carl H. Lange in 1961, wie durch ein altes Attest belegt; und ausserdem von Kruschel und R. Friedl (Wien)). BPP-Prüfer Lange gibt als Provenienz ausserdem die Rothschild-Sammlung an.


    Hier nun zwei Fragen an die Forumsmitglieder:


    1. Der Brief (ohne Inhalt) enthält leider nirgendwo das Verwendungsjahr. Der letzte Prüfer (Frau Lange, 2011) ordnete den Brief dem Jahr 1854 zu, der Prüfer davor (Herr Lange, 1961) aber dem Jahr 1852. Ich nehme an, beide diese Urteile beruhten auf den Verwendungsdaten der Preussen-Stempel - wer weiss mehr dazu?


    2. Hat jemand vielleicht Zugriff auf einen alten Rothschild-Auktionskatalog (Harmers 1939?), wo man diesen Brief als Auktionslos sehen könnte?


    Liebe Sammlergrüsse,


    Papiertiger

  • Hallo Papiertiger,


    der Brief ist trotz der kleinen Schwächen sehr schön, insbesondere das Paar der 1 Sgr.-Marke ist doch wunderbar.

    Dieser Typ des Kursstempels ist bislang nur für die Jahre 1851-52 belegt. Daher finde ich die Angabe von Lange plausibel.


    Viele Grüße

    Michael

    Mitglied im DASV - Internationale Vereinigung für Postgeschichte

  • Vielen Dank, Michael, damit ist das Rätsel gelöst! :thumbup:Die ersten Braunschweiger Briefmarken erschienen am 1. Januar 1852, weshalb mein Brief aus dem April 1852 stammen muss...

    Dieses Beispiel zeigt mir auch, dass ich als Braunschweig-Sammler noch viel mehr über preussische Kursstempel lernen muss. Könntest Du da eine Quelle empfehlen?

  • Hallo Papiertiger,


    es ist nur ein indirekter Beweis für das Jahr 1852. Auch wenn es relativ unwahrscheinlich ist, kann der Kursstempel auf Belegen von 1853 noch auftauchen.

    NB: "Lange" ist eine "sie": Gertraud Lange, ehemalige Braunschweig- und Hamburg-Prüferin im BPP.


    Eine solche Eingrenzung auf 1-2 Jahre ist bei den preußischen Kursstempeln meistens nur zu Beginn der 50er-Jahre möglich. Zunächst wurden verschiedene Typen hergestellt und erprobt. Die nicht so tauglichen Stempeltypen, wie der auf deinem Brief, verschwnaden dann schnell wieder. Die darauf folgenden wurden dann häufig schon etliche Jahre eingesetzt. Zudem redzierte sich die Anzahl der Kursstempel nach der preuß. Bahnpostreform 1854 deutlich. Während man anfangs oft 3-4 Kursstempel hatte, war es nach der Reform nur noch 1.
    Dies jetzt nur zur Erläuterung, dass die Bestimmung von Briefen anhand von Kursstempeln noch lange nicht immer glückt.


    Als Quelle für Infos zu preußischen Kursstempeln würde ich zunächst mal dieses Forum empfehlen. ^^
    Unter Preußen/Bahnpost ist einiges zu finden, ansonsten fragen.


    Die Quelle für die obige Angabe ist der empfehlenswerte Katalog der unter Deutscher Postverwaltung verwendeten Bahnpoststempel mit Streckenangabe der Arge Bahnpost. Aufgrund seiner Aktualität (Erscheinungsjahr 2010, Nachtrag 2015) ist er z.B. preußischer oder anderer AD-Literatur zu Bahnpoststempeln in dieser Hinsicht überlegen.


    Viele Grüße

    Michael

    Mitglied im DASV - Internationale Vereinigung für Postgeschichte

    Einmal editiert, zuletzt von Michael ()

  • Danke Michael, der Bahnpost ArGe-Katalog ist bestellt! ;)


    Hier ein weiterer Brief von Braunschweig in den Postverein, diesmal nach Münster in das preußische Westfalen. Das Porto für einfache Briefe der 3. Entfernungsstufe (202 km, also > 20 Meilen) betrug 3 Silbergroschen und wurde mit einer MiNr 3 abgegolten. Der Brief wurde am 8.11.1853(?) aufgegeben und kam möglicherweise noch am gleichen Tag an; sicher ist das Ankunftsdatum aber nicht, da der Ausgabestempel auf der Rückseite der Faltbriefhülle unleserlich ist.


    Auch dieser Brief wurde über die Berlin-Minden Bahnlinie transportiert, wie rückseitig belegt; diesmal ging die Reise aber westwärts. Ab Minden erfolgte der Transport vermutlich über die 1847 fertiggestellte Stammstrecke der Cöln-Mindener Eisenbahn-Gesellschaft bis Hamm, wo man die nach Münster bestimmte Post wohl umlud und über die 1848 hinzugefügte Stichstrecke der Münster-Hammer-Eisenbahngesellschaft an den Zielort brachte. Dabei verschwendete man anscheinend keine Zeit darauf, einen weiteren Kursstempel anzubringen.


    Wie auch vielen bei anderen frühen Braunschweig-Briefen ist hier die Jahreszuordnung nicht ganz einfach. Beim Verkauf wurde in der Losbeschreibung das Jahr 1853 genannt. Vermutlich lässt sich das durch durch die Kombination des Braunschweiger Absendestempels und des preußischen Kursbahnstempels bestätigen, oder zumindest eingrenzen?



  • Hallo Papiertiger


    zwei sehr schöne Belege hast du hier gezeigt. Bei der zeitlichen Eingrenzung kann ich nicht viel beitragen.


    Mit freundlichem Sammlergruss


    Ulf

  • Hallo,


    zur 2. Frage beim 1. Brief hinsichtlich "Rothschild-Katalog":
    Der Brief ist auf Seite 22 als sw-Abbildung abgebildet (Abb. ca. 6 x 4 cm mit Losnummer 110 in der Abb.).


    Die Losbeschreibung im Fettdruck zum Los 110:

    "1sgr. rose, a superb horizontal pair with fine margins all round, used on cover and very lighly obliterated (see photo plate V)"


    Zuschlag waren damals 17 Pfund Sterling.


    Die Abbildung gibt nicht viel her und zeigt den obigen Brief in gleicher Erhaltung (inkl. Stockflecken etc.) - benötigst Du trotzdem einen Scan?

  • Hallo Papiertiger,


    dieser Kursstempel ist nach o.g. Katalog ab 1852 bis 1875 (!) belegt.

    Manchmal sind solche Angaben auch einfach geschätzt. ;)


    Viele Grüße

    Michael

    Mitglied im DASV - Internationale Vereinigung für Postgeschichte

  • Hallo Papiertiger,


    wie gefällt dir sowas:


    Am frühen Morgen des 16. November 1867 wurde in Braunschweig ein 3/10 Pfund schweres Paket mit einem Postvorschuß von 2 Thaler an den „Herrn Louis Gellert Faßfabrik Altenburg Sachsen“ aufgegeben. Der Absender wünschte dies franco.

    In Braunschweig wurde der Postvorschuß von 2 Thaler als „60“ Groschen in rot notiert.

    In Magdeburg ankommend, wurde dort „frntBez 6“ = „Franco nicht bezahlt 6“ notiert. Der Postvorschuß von 60 Groschen wurde nun mit blau überschrieben und der Auslagenstempel dazu abgeschlagen. In Altenburg wurde die preußische „60“ doppelt gestrichen und die erste schräg darunter notierte „6“ überschrieben und eine weitere hinzugefügt.

    Taxierung: 1 Sgr. ProCura + 5 Sgr. Mindestfahr-Posttarif = 6 Sgr. + 60 Sgr. Postvorschuß = 66 Sgr. gesamt.


    Mit freundlichem Sammlergruss


    Ulf

  • Hallo Ulf!


    Danke, das ist ein toller Brief. Der hat schon alleine auf der Vorderseite wirklich Alles zu bieten. Und die Erhaltung ist tip-top! Was wäre wohl passiert, wenn die Annahme verweigert worden wäre? Platz zum Schreiben war ja nun wirklich keiner mehr da...

    Deine Lesekünste bewundere ich. Auf die "Franco nicht bezahlt 6" wäre ich nie gekommen. Es gibt noch viel zu lernen für mich, darunter Handschriften. War es eigentlich üblich, dass das letzte Glied in der Zustellungskette das Porto berechnete und auf den Brief schrieb?


    Übrigens schön, dass Du als Magdeburg-Sammler (rate ich mal?) soviele Braunschweig-Belege hast. Einige andere schöne sind ja schon im Forum zu bewundern.

    Liebe Sammlergrüsse,

    PapierTiger

  • Ganz herzlichen Dank, Welfe!


    Nach dieser Information hatte ich gesucht. Natürlich wäre es auch toll, wenn ich irgendwo eine Kopie des Rothschild-Katalogs bekommen könnte, da ich öfter mal solche Referenzen suche. Aber im Netz konnte ich rein gar nichts finden. Komisch eigentlich, da ja die Copyrights schon lange abgelaufen sein müssten. Hast Du ein vielleicht ein Original?

  • Hallo Papiertiger


    Im Retourfalle wäre der Grund siegelseitig notiert worden und weitere 5 Sgr. Retourporto angefallen.

    Bei Fahrpostbelegen gibt es alles mögliche in Portofalle bei den Taxierungen. So sind vollständige Taxierungen am Aufgabeort oder am Zielort zu finden. Aber wie geschrieben, gab es auch die Situation wie bei dem gezeigten Beleg.

    Und deine Frage: Ja ich sammle Magdeburg, jedoch auch Belege dahin, bei Fahrpostsendungen auch den Transit .


    Mit freundlichem Sammlergruss


    Ulf

  • Hallo,


    hier die Abbildung aus dem "Rothschild"-Katalog der Royal Philatelic Society, London - 23. und 24. Oktober 1939:



    Den gesamten Katalog (bzw. den Braunschweig-Teil) möchte ich nicht scannen, um die Bindung des Kataloges nicht kaputt zu machen (ich habe nur einen Flachbett-Scanner).


    Gruß,

    Björn

  • Vielen Dank, Björn! Die Bildqualität ist sogar besser als erwartet!

    Leider kann ich antiquarisch keine Kopie des Kataloges finden. Könntest Du vielleicht einen Scan des Covers ins Forum stellendem mir bei der Suche zu helfen?


    Vielen Dank schon mal!

    PapierTiger

  • Um die Beleg-Reihe fortzuführen (und die MiNr 2 nicht auszulassen): hier ein kompletter Faltbrief von Seesen an die 1767 gegründete Firma Anton Walte Sohn & Co in Bremen, aufgegeben am 7. Mai 1855 und angekommen einen Tag später, wie durch den blauen Ankunftstempel belegt. Der Postvereinsbrief der 3. Entfernungsstufe (161 km / 22 Meilen) ist mit der MiNr 2 und MiNr 6aY (= 3 Silbergroschen) tarifgerecht frankiert. Das Jahr der Verwendung ergibt sich aus einer Datumsangabe im Brief selbst.