Fahrpost in Bayern

  • Weil er auch hier passt von den Postablagen kopiert:


    Ein Nachnahmebrief über 1 fl 5 xr von Roth nach Ellingen vom 19. Februar 1870 (erst am 6.3. gelangte der Brief zur PE Roth). Taxiert wurde der Brief mit insgesamt 1 fl 16 xr, die sich wahrscheinlich folgendermaßen zusammensetzen: 1 fl 5 xr Postnachnahme, Gewichtgebühr für Wertbrief bis 15 Loth in der 1. Progressionsstufe 6 xr, Prokuragebühr 2 xr, Gebühr für den Landpostboten der den Brief von der Postablage zur Expedition brachte 3 xr (Wert bis 25 fl, bis 1 Meile).


    Viele Grüße


    kreuzer

  • Guten Abend,


    hier ein Brief des königl. Bezirksgerichts Bamberg an das königl. Bezirksgericht Schweinfurt "mit Akten".
    Der Brief wog 1 Pfund 10 Loth und wurde am 30.4.1867 in Bamberg aufgegeben, die Entfernung zwischen den
    beiden Orten beträgt etwas über 6 Meilen also Entfernungsstufe 2.


    Vermerkt wurden auf der Vorderseite 7 + 3 = 10 Kr in blauer Schrift.
    Zusätzlich noch die Zahl "68" ebenfalls in blau und darüber eine "9" oder "91" in schwarz.
    Siegelseitig keine Angaben.


    Ich habe mir die in diesem Thread "Fahrpost" aufgeführten Beispiele mal zu Gemüte geführt
    komme aber mit der immer wieder zitierten Rechenregel:
    Gewicht (aufgerundet auf ganze Pfund) * 7 / 12 * Entfernungsstufe nie und nimmer auf die 7 bzw. 10 Kr.


    Daneben ist immer wieder die Rede von einem "Mindestfahrposttarif", ich habe jedoch nix gefunden
    (oder übersehen) ab bzw. bis zu welchem Gewicht / welcher Entfernung der zum Einsatz kam.


    Vielleicht kann der ein oder andere mal eine kurze Nachhilfe anhand dieses Belegs geben, der sicherlich
    zu den einfacheren Vertretern dieser Sendungsart zählt


    Vielen Dank


    oisch

  • Guten Morgen oisch


    soweit mir bekannt, galten zu dieser Zeit in Bayern die Tarife des DÖPV nach dem 2. Vertrag.


    Die 7 sind der Mindestfahrposttarif + 3 sind der Botenlohn = 10 Kreuzer vom Empfänger zu zahlen.
    Desweitern dürfte die 9 die erste Kartierungsnummer bei der Aufgabe und die 68 von der ausgebenden Postanstalt stammen.


    Generell gab es für alle Fahrpostsendungen eben diese Mindestfahrposttarife, welche in entfernungsabhängig gestaffelt war.
    Laut 2. Postvertrag DÖPV waren dies
    bei 0 bis einschließlich 8 Meilen = 7 Kreuzer
    über 8 bis incl. 16 Meilen = 10 Kreuzer
    über 16 bis incl. 24 Meilen = 14 Kreuzer
    über 24 bis incl. 32 Meilen = 18 Kreuzer
    über 32 Meilen = 21 Kreuzer


    Die Progressionsstufen wurden von 4 zu 4 Meilen bestimmt (Taxquadrate). Je angefangenes Pfund wurden 7/12 Kreuzer als Basis zu Grunde gelegt.


    Damit lassen sich nun die Maximalgewichte bis zum Erreichen des Mindestfahrposttarifs für Pakete berechnen.
    Bei 0 - 4 Meilen = 1. Entfernungsstufe sind es 12 Pfund,
    bei 4 - 8 Meilen sind es 6 Pfund
    bei 8 - 12 Meilen sind es 5 Pfund
    bei 12 - 16 Meilen sind es 4 Pfund
    bei 16 - 20 Meilen sind es 4 Pfund
    bei 20 - 24 Meilen sind es 4 Pfund
    bei 24 - 28 Meilen sind es 4 Pfund
    bei 28 - 32 Meilen sind es 4 Pfund
    bei 32 - 36 Meilen sind es 4 Pfund
    bei 36 - 40 Meilen sind es 3 Pfund
    ...


    Es ist nach "bei" immer über davor und nach dem " - " incl. einzusetzen.


    Mit freundlichem Sammlergruss


    Ulf

    Einmal editiert, zuletzt von Magdeburger ()

  • Guten Morgen Ulf,


    erst mal herzlichen Dank für die schöne Tabelle.
    Ich hoffe Du bist nicht extra deswegen so früh aufgestanden
    (und ich dachte immer ich bin ein notorischer Frühaufsteher).


    Ich werde mal in den nächsten Tagen versuchen einige meiner Belege
    damit "in den Griff zu kriegen"


    Gruß oisch

    Wer später bremst,
    ist länger schnell !

  • Guten Abend,


    schaun mer mal, ob ichs halbwegs kapiert habe.


    Paketbegleitbrief von Würzburg nach Weissenburg Mfr. vom 7. Febr. 1865
    Das Paket wog 7 Pfund, der Wert betrug 30 Gulden und die Entfernung etwas
    über 15 Meilen also Entfernungsstufe 4


    Somit wäre zu rechnen
    7 * 7/12 * 4 = 17 Kr. + 4 Kr. Wertgebühr = 21 Kr. + gegebenenfalls 3 Kr. Botenlohn = 24 Kr.


    Weit und breit - weder auf der Vorder- noch auf der Rückseite - findet sich irgendeine diesbezügliche Angabe ???


    Alles vorausbezahlt ... oder ???


    Gruß oisch

  • Guten Morgen oisch


    das Paket wog 7 Loth und damit ist der Mindestfahrposttarif von 10 Kreuzer angefallen. Zzgl. der Wertgebühr von 4 Kreuzer ergeben sich insgesamt 14 Kreuzer.


    Da der Franco-, aber auch ein Portofreiheits-Vermerk fehlt, ist dieser Porto gelaufen.


    Ob der Botenlohn von 3 Kreuzer voraus entrichtet werden konnte, kann ich nicht sagen.


    Mit freundlichem Sammlergruss


    Ulf

  • Lieber Magdeburger,


    Zitat

    Ob der Botenlohn von 3 Kreuzer voraus entrichtet werden konnte, kann ich nicht sagen


    das glaube ich nicht, weil das ein Weiterfranko für die Abgabepost dargestellt hätte und dergleichen die Briefkarten rubrikmäßig nicht hergeben.


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo Guy,


    hier der gewünschte scan der Rückseite.
    Ich kann darauf nichts Erhellendes erkennen,
    aber das will ja nichts heisen


    @ Magdeburger, bayern klassisch,


    thank you very many für die Interpretation.
    Aufgrund meiner chronischen Legasthenie bei
    diesen Hieroglyphen hab ich die Loth halt als Pfund gelesen :thumbdown:


    Warum wurde das zu entrichtende Porto in vielen Fällen - wie auch hier -
    nicht auf der Briefvorderseite notiert ?


    Gruß oisch


    dem anhand dieser Fahrpost- und der sonstigen sogenannten "Vorphilabriefe"
    wieder bewußt wird, welch geniale Idee die Einführung von Briefmarken war

  • Hallo zusammen!


    Heute mal ein interessanter Postablage-Fahrpostbrief in den Postverein. Von der allgem. bayerischen Hopfenzeitung in Roth wurde eine Liquidation an den wohllöblichen Gemeinderat in Tübingen gesendet, betreffend eine Veröffentlichung. Der Brief wog 9/16 Loth. Siegelseitig ist P6 für die 6 Progressionsstufe (20 - 24 Meilen) notiert. Die Entfernung sind jedoch knapp 26 Meilen, hier hätte eigentlich P7 notiert werden müssen. Somit gingen der Post 4 xr verloren. Für die Veröffentlichung verlangte man 48 xr + 6 xr Postgebühren. Hinzu kamen die 17 xr für den Brief (14 xr Gewichtsporto für die 6. Progressionsstufe und 3 xr Prokura), so dass man auf die insgesamt angegebenen 1 fl 11 xr kommt.


    Viele Grüße


    kreuzer

  • Hallo kreuzer,


    schön erklärt. :P


    Mit der Entfernung könnte das damals großzügig gehandelt worden sein - ein paar Kilometer mehr waren es manchmal schon, die man zugab. Vlt. war es hier auch so ... Man müsste halt noch ein Pendant haben/finden.


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo Kreuzer


    wenn das heutige 91151 Roth gemeint ist, sind es nach Tübingen 169 km, was etwa 22 1/2 Meilen entsprechen. Damit wäre auch P 6 korrekt.


    Mit freundlichem Sammlergruss


    Ulf

  • Hallo ihr zwei!


    Habe nochmal nachgeschaut, ihr habt natürlich recht. Die Seite, mit der ich die Entfernung berechnet habe, verlegt Roth bei Nürnberg (Mittelfranken) in die Oberpfalz, woraus natürlich einige Kilometer mehr Entfernung resultieren. Damit ist die 6. Progressionsstufe korrekt notiert worden.


    Viele Grüße


    kreuzer

  • Hallo Sammlerfreunde,


    diesen Fahrpostbrief konnte ich unlängst bei Köhler ergattern. Er stammt aus einer euch bekannten renommierten Sammlung.


    Leider kann die Beschreibung sowohl bei der Auktion als auch in der Sammlung nicht ganz korrekt sein. Die erste Beschreibung dieses Briefes stammt aus dem Buch "Fahrpost in Deutschland" von Christian Hörter von 1992. Allerdings ist mir nicht bekannt, wann der Brief in die letzte Sammlung gelangte und wer letztendlich die Beschreibung fertigte.


    Die Beschreibung habe ich unten angefügt. Der Autor möge mir verzeihen, dass ich mir nicht die Mühe mache dies alles hier einzutippen.


    Theoretisch könnte es zwar stimmen, dass der Brief bei der Postablage Wittislingen aufgegeben wurde, wo ist dann aber der Postablagestempel? Die Möglichkeit aus einem Briefkasten zu stammen und keinen Weg über die Postablage gegangen zu sein ist ebenfalls möglich. Stammte der Brief allerdings aus einem Briefkasten hätte in Dillingen vermerkt werden müssen, dass er aus dem Briefkasten entnommen wurde. Dies war lt. VO erforderlich, da es sich wegen der Wertdeklaration um eine Fahrpostsendung handelte.
    Die Annahme, die fehlenden 3 xr von Frankatur zu den als frei vermerkten 9 xr wäre als Auslage erhoben wurde, ist definitiv falsch. Der Vermerk Auslage bezeichnet die Zustellgebühr von 3 xr in Augsburg. Ich kenne mehrere Briefe, die alle in Augsburg einen vom Schriftbild her vollkommen identischen Auslagevermerk erhielten.


    Der Brief muss meiner Meinung nach in Dillingen aufgegeben worden sein, da die vermerkten 9 xr irgendjemand bezahlen musste.
    Die einzige Möglichkeit besteht darin, dass die Marken versehentlich auf dem Brief befestigt wurden. Entweder bereits vom Absender, der seine eigene
    Wertdeklaration überlesen hatte oder vom Postler in Dillingen, der diese überlesen hatte. So hätte er richtig gewogen und an einer freien Stelle auf dem Brief seine Marken geklebt. Er müsste diesen Fehler aber relativ schnell bemerkt haben, denn er kassierte ja 9 xr und vermerkte diese. Die Marken wollte er vielleicht nicht mehr entfernen und entwertete diese mit Federkreuz. Im Falle der Vorfankierung durch den Absender wäre das Procedere gleich gewesen.


    Gerne höre ich eure Meinung.


    Übrigens ist der Brief geprüft BPP.


    Gruß
    bayernjäger

  • Hallo bayernjäger,


    auf jeden Fall ein schöner und interessanter Brief. Könntest Du evtl. noch die Rückseite und den Inhalt zeigen? Auch hier könnten sich noch Anhaltspunkte ergeben.


    Viele Grüße


    kreuzer

  • Hallo bayernjäger,


    ich kenne den Brief seit fast 30 Jahren - war mal für 600 DM bei Erhard oder Feuser & Erhard ausgerufen, wenn ich nicht irre (im Rahmen einer Superauktion damals!).


    Er wird immer etwas rätselhaft bleiben, fürchte ich. Marken, die man versehentlich verklebte, so wie hier, waren abzunehmen und zu vergüten. Der Expeditor reichte sie dann bei seiner Kasse ein und bekam eine "Gutschrift".


    Dass man tricksen konnte, ist auch klar - es wäre möglich, dass man die 6x doch anrechnete und nur noch 3x in der Briefkarte in Augsburg erhob. So ganz regelgerecht war das alles nicht, aber wie du in meiner Contraventions - Sammlung sehen kannst, kam dieses Problem häufiger mal vor (wenngleich solche Briefe heute Raritäten sind und jeder Sammlung gut zu Gesichte stehen).

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo bayernjäger,


    wird wohl ein Rätsel bleiben. Ich gehe aber auch davon aus, dass die Postablage den Brief nicht gesehen hat, die Taxierungen waren durch die vorgesetzte Postexpedition vorzunehmen. Die Marken hätten jedoch bei der Postablage mit dem Postablagestempel entwertet werden müssen. Dies könnte man zwar vergessen haben, dann hätte allerdings der Postexpeditior die unentwerteten Marken vor sich gehabt und wohl versucht, den Fehler noch zu korrigieren. Aber leider auch nur eine Vermutung.


    Viele Grüße


    kreuzer