Chargé-Briefe

  • Liebe Sammlerfreunde,



    ich habe das Thema Chargé unter der Bayerischen Postgeschichte tatsächlich nicht gefunden…. Sollte es irgendwo bestehen, bitte ich um entsprechende Verschiebung meines Beitrags durch Admin (m/w/d).


    Heute zeige ich euch einen wunderschönen Chargébrief vom 26. August 1874/75 von München nach Kronach.


    Die Expedition München IV bestand seit 1871, so dass sich die Jahresangabe nur auf 1874/75 beziehen kann, da seit dem 1.3.1874 Frankaturzwang für die Chargégebühr bestand. Der Brief war frankiert für die 2. Gewichtstufe über 15g bis 250g



    Aber: stopp: Die Einschreiben-Klebezettel wurden erst per 15.2.1875 eingeführt! Der Brief stammt somit aus einer sehr kurzen Zeit vom 15.2.1875 bis Ende 1975 und damit Einführung der Mark/Pfennig-Währung.


    Eine Frage in die werte Runde.... bis Ende Februar 1874 floss die Chargégebühr direkt in die Einnahmen des Expeditionisten; nun musste die Frankomarke dafür ja abgerechnet werden... gab es eine Pauschalvergütung für Chargé für die Expedition??


    Hübsches Teil, mir gefällt’s


    Gesunde Grüße


    Andreas

  • Lieber Andreas,


    feines Stück - davon gibt es nicht so viele. :)


    Zu dem Emolument 7x Chargékosten (war ja eigentlich keine Gebühr, weil sie bis Ende Februar 1874 nicht dem Staat zufloß), wäre es möglich gewesen, dass man das später verrechnete, was ich nicht glaube, weil es viel Schreibkram und Abrechnungsfehler bedeutet hätte, oder der Staat hat dieses Emolument einfach aufgehoben, wofür dann die Vordrucke gratis wurden und nicht mehr von der Aufgabepost zu zahlen waren (ein schlechtes Geschäft für die Expeditoren, weil die Vordrucke von der Post zu kaufen viel günstiger war, als der jeweilige Verkaufspreis).


    Evtl. hat man auch an der Haftung/Versicherungsleistung im Verlustfalle etwas gedreht? Man müsste einen Anstellungsvertrag/Patent aus 1873 und 1875 haben, um das sicher feststellen zu können. Ich hatte 2 Verträge (jetzt vlt. noch einen und keine Ahnung, wo der sich gerade befindet), aber das waren frühere, also vor März 1874. Evtl. hat man auch die Kaution etwas heruntergesetzt, was die Avalzinsen reduziert haben könnte, aber das muss mangels Wissen eher Spekulation bleiben.

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo Andreas,


    wie Ralph schon angedeutet hat, ist die Sache mit den Emolumenten etwas kompliziert. Einen ersten Einblick gibt die angehängte Seite, ein Ausschnitt aus einem Artikel von mir im Rundbrief 67 der ArGe Bayern (klassisch) von 2016. Der hier auch als Quelle zitierte Rückblick auf das erste Jahrhundert der K. Bayer. Staatspost von 1908 ist immer eine gute Anlaufstelle, wenn man zu solchen dienstlichen Fragen etwas erfahren will.


    Viele Grüße

    Dietmar

    Dateien

    Viele Grüße aus Erding!


    Achter Kontich wonen er ook mensen!

  • Hallo zusammen,


    vielen lieben Dank für eure Hinweise! Das von Erdinger genannte Buch habe ich sogar.... sollte mal wieder mehr lesen, das gibt's leider nicht als Hörbuch ;(;(


    Wünsche einen sonnigen und gewitterkatastrophenfreien Samstag!

    Erdinger: Danke auf für das PDF, lese mich gleich mal rein.


    Grüße

    Andreas

  • Liebe Sammlerfreunde,


    heute zeige ich mit Freude einen weiteren Beleg aus meiner kleinen Chargébrief-Sammlung. Ich finde ihn insbesondere deswegen so spannend, weil hier eine Fehlmanipulation beim wahrscheinlich größten und routiniertesten Chargéschalter des Königreich Bayerns vorliegt.


    Der Brief wurde Anfang April (ausweislich rückseitiger preussischer Streckenstempel) in München am Schalter aufgegeben, die Freimarke ordnungsgemäß entwertet (gMR 217 mit 16 Schaufeln) und in der Hektik den schicken Zweikreis mit Zierstücken vergessen….


    Daher ist der Brief leider auch nicht genauer datierbar.


    Das Briefpaket mit den Chargébriefen wurde dann in Magdeburg geöffnet und neu kartiert. Hierbei fiel dem preußischen Postbeamten das Fehlen des Aufgabestempels auf. Da er aber wusste woher das Briefpaket stammte, ergänzte er handschriftlich „v. München“, um im Falle einer Nichtzustellbarkeit die Rückleitung des Briefes zu ermöglichen. Außerdem wurde unter der Freimarke das Gewicht „9/10 Loth“ vermerkt, wie es die Vorschrift vorsah.



    Meines Wissens wurde am Chargé-Schalter der gMR 217 mit 17 Schaufeln verwendet; oder irre ich da? Eventuell ist eine engere zeitliche Eingrenzung des Briefes möglich?



    Beste Grüße und bleibt gesund!



    Andreas

  • Lieber Andreas,


    feines Stück - hätte ich auch gerne genommen. :):):)


    In unserem Rundbrief Nr. 45 hat der liebe Kilian auf den Seiten 2421 ff die gM 217 von München näher spezifiziert.


    Bei deinem Brief sollte es sich um den Stempeltyp b handeln, der von 1850-53 dort belegt ist. Von der Farbe der Marke her wäre 1852 am wahrscheinlichsten ...

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Liebe Freunde,


    34,5 auf 12 sind Maße, wie wir sich aus dem 19. Jahrhundert bei Briefen kaum kennen und doch ist dieser aus Windsheim vom 25.8.1871 an die Administration der Gräflich Castellschen Creditkasse in Castell genau so groß - und kostete nur mehr 7 Kreuzer bis 15 Loth, wobei auch die Recommandation weitere 7 Kreuzer kostete, so dass sich in summa die 14 Kreuzer ergeben, die man unter die Marke schrieb. Unter der Reco-Nr. 23 wurde er ins Manual von Windsheim eingetragen und via Kitzingen (Folgetag) nach Castell (27.8.1871) verbracht.

    Ganz sicher bedingten Gerichtsakten dieses riesige Format - aber mich erfreuen ganz schnuckelige Briefe genau so, wie die Riesen und ich bin um jeden Brief froh, der aus dem üblichen Rahmen fällt.

  • Lieber Ralph,


    ein schöner und ungewöhnlicher Brief. Solch lange Formate gibt es etliche auch vom Niederrhein. Was ich kenne, steht immer mit einem Notar Hubert in Moers in Verbindung.


    liebe Grüße


    Dieter

  • ... ja, das sind praktisch alles Behördenrecobriefe, weil ein Privater kaum in solchen Formaten geschrieben hätte.

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Lieber Ralph,


    solche Stücke haben etwas – manche Sammler lassen sie wahrscheinlich links liegen, weil sie nicht wissen, wie sie sie in der Ausstellungssammlung präsentieren sollen. Aber postgeschichtlich sind sie ein Zuckerl ... (die Stücke, nicht die Sammler).

    Viele Grüße aus Erding!


    Achter Kontich wonen er ook mensen!

  • Lieber Dietmar,


    da sprichst du ein wahres Wort gelassen aus - aber seitdem ich auch A3 - Seiten machen kann, ist die Scheu vor solchen "Aufziehproblemen" gewichen und man kann bequem 2 Riesenbriefe locker auf einee Großseite zeigen und hat noch schön Platz für Texte, Karten, oder Verordnungen, wenn es des Zeigens derselben bedarf.

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo Sammlerfreunde,


    der Reco-Beleg anbei bringt einen auf den Gedanken, ob es vielleicht schon mal jemand angegangen hat, eine innerbayerische "Langestrecken-Rekordsammlung" aufzumachen. Jedenfalls ist die Entfernung des in Passau eingeschriebenen Briefs mit rd. 380 km Luftlinie schon mal im ziemlich oberen Segment. Wäre er bspw. nach Kusel in die Nordpfalz gelaufen, dann hätte man noch weitere 75 km Luftlinie draufsatteln können. Da wäre er wohl aber auch wie gewohnt 1 Tag später angekommen, die Beförderungsleistung von damals ist wirklich schon sehr bemerkenswert.


    Viele Grüße

    vom Pälzer

  • Lieber Ralph,


    ich komme erst heute hier vorbei und kriege vor Staunen den Mund nicht mehr zu ob dieses Träumchens von einem Beleg, das geradezu schreit nach einer Deiner doppelt großen Albenseiten.


    Liebe Grüße von maunzerle

    "Ein Leben ohne Philatelie (und Katzen) ist möglich, aber sinnlos!" (frei nach Loriot, bei dem es allerdings die Möpse waren - die mit vier Beinen wohlgemerkt)

  • Zu dem in post 5 gezeigten Brief eine Frage:


    Das Gewicht ist anscheinend von der preußischen Post mit 9/10 Loth vermerkt worden. Das könnte, wenn die zeitliche Zuordnung paßte, in Bayern einem Loth auf 1/32 Pfund-Basis entsprochen haben. Gab es in Bayern eine Vorschrift, daß und ggf. in welcher Form auf recommandierten Briefen Gewichte zu notieren waren, also in Zollloth oder in bayrischem Gewicht?

  • Lieber Altsax,


    nein, diese Vorschrift gab es nicht, weder für Inlands-, noch für Vereins,- oder für Auslandsbriefe. Ganz selten notierte man das Gewicht in der linken oberen Ecke, wenn das Verwiegeergebnis ganz knapp in die geringere Stufe tendierte (also ganz knapp unter 1Loth usw.), um Verwiegefehlern nachfolgender Poststellen vorzugreifen.


    Bei Briefen nach/über Frankreich war links oben die Gewichtsstufe anzugeben ("1 p" für 1. Portostufe), aber das genaue Verwiegeergebnis war auch da nicht zu notierten vorgesehen.

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Lieber Ralph,

    vielen Dank für die schnelle und umfassende Antwort.

    Die unterschiedliche Handhabung bei den Postvereinsstaaten ist interessant.

    Sachsen wog und zeichnete entsprechende Postvereinsbriefe in sächsischem Gewicht aus, bestimmte dabei aber die Progressionsgrenzen beim Gewicht als "inclusive".

    Liebe Grüße

    Altsax