Unzureichend frankirt

  • Guten Morgen,


    hat jemand Informationen zu dem abgebildeten "Unzureichend frankirt."-Stempel?
    Der Verwendungszweck ist natürlich klar, aber weiß man, wann und wo der Stempel eingeführt wurde? Gab es dazu vielleicht sogar eine Verordnung? Warum wurde der Stempel überhaupt eingeführt? Sollten vielleicht die handschriftlichen Vermerke auf unterfrankierten Briefen, wie "Kastenbrief" o.ä., abgeschafft werden?


    In Schleswig-Holstein wurde dieser Stempel zur preußischen Zeit verwendet, aber nur in ganz wenigen Orten. Anhand der Laufwege erhaltener Briefe gilt das Grenzpostamt Hadersleben als sicher und auch im preußischen Postamt in Hamburg müßte dieser Stempel verwendet worden sein.
    Aber vermutlich auch in den (preußischen) Postämtern anderer Staaten !?


    Weiß jemand mehr?


    Schönes Wochenende
    nordlicht

    Bilder

    • Unzureichend.jpg
  • Hallo nordlicht,


    ich befürchte, das Wissen um diesen Stempel ist sehr begrenzt.


    Mal das Literaturbekannte zusammengefasst:
    - nach v.d.Linden gab es diesen Stempel ab 1866 im preußischen Postamt in Hamburg für eingehende ausländische Briefe.
    - Meyer-Margreth kennt diesen Stempel für Hamburg überhaupt nicht (nur einen L2 in Schreibschrift des Stadtpostamts).
    - in den Preußen-Studien ist darüber anscheinend noch nichts erschienen.


    Eine Verordnung wird es dazu aller Wahrscheinlichkeit nach nicht geben, da dieser Stempel bestimmt nicht von Berlin "angeordnet" wurde. Es gibt preußischerseits eine Reihe von Nebenstempeln, die nur in einem oder wenigen Eingangspostämtern geführt wurden und wohl auf lokale Initiative hin entstanden sind, z.B. die Tax-Ziffern-Stempel in Hamburg, Bremen und Aachen.
    Bisher erschien mir die Zuordnung dieses Stempels zum Hamburger Postamt plausibel. Von anderen preußischen Postämtern habe ich diesen Stempel noch nicht gesehen - was natürlich nur eine bedingte Aussagekraft hat.


    Viele Grüße
    Michael

    Mitglied im DASV - Internationale Vereinigung für Postgeschichte

  • Hallo Nordlicht und Michael


    Schaue hier zwei mal der Stempel "Unzureichend frankirt".


    Der erste ein Dienstbrief aus Altona nach Kværndrup auf Fühnen in Dänemark, sendet am 5.12.1872. ½ Gr. zu wenig frankiert, wenn ein Teilporto fehlt wird das Brief als unfrankiert Taxiert, der Porto war dann doppelt also 3 Gr. (Sonderporto nach Dänemark aus S & H) minus der frankierte 1 Gr., fehlende 2 Gr. umgerechnet bis 8 Schillig dänisch und beim Empfänger erhoben. Der Stempel sind 38 mal 19 MM.


    Der zweite leider nur ein Briefstück aus Dresden auch mit Brustschildemarke, sendet am 24. 10. 18??. Dieser Stempel sind 30 mal 10 MM.


    Viele Grüße, Jørgen

  • Hallo Michael,


    vielen Dank für die Informationen, die mir wieder weitergeholfen haben.


    Dann scheint dieser Stempel (zumindest bis 1867) ein schleswig-holsteinisches Spezifikum zu sein:
    die unterfrankierten und grenzüberschreitenden Briefe wurden dann an der Nordgrenze im Grenzpostamt in Hadersleben und an der Südgrenze In Hamburg gekennzeichnet.


    Aus anderen Orten kenne ich den Stempel bislang nicht.


    Baldersbrynd
    Danke für die Beispiele!
    Der Brief müßte dann den "Unzureichend frankirt"-Stempel aus Hadersleben haben.


    In Dänemark gab es einen ähnlichen Stempel: "Utilstraekkelig frankeret" (zeigen kann ich leider keinen).
    Vielleicht besteht sogar ein Zusammenhang bei diesen beiden Stempeln !?


    Viele Grüße
    nordlicht

  • Hallo zusammen,


    die dänischen Ra2-Stempel "Utilstrækkelig frankeret" wurden sehr lange verwendet. Ich habe mir bislang wenig Gedanken um diese Stempel gemacht, werde mich aber gelegentlich in das Thema einlesen.


    Hier eine nette Zwei-Länder-Frankatur, die aber keine Gnade vor den Postbeamten fand. Zur Entstehung habe ich folgende Theorie: Die Absenderin (Frau Christine Schacherer, wenn ich die Unterschrift auf der Bildseite richtig entziffert habe) schreibt in Hamburg eine Karte an eine Frau Schulze in Berlin. Portorichtig für eine Inlandspostkarte aus dem Jahr 1896 mit einer 5 Pfg. Krone-Adler-Marke frankiert. Auf der Weiterreise nach Dänemark vergisst die Absenderin die Karte in Deutschland in den Briefkasten zu werfen. Dies wird in Korsör (Endpunkt der Fährverbindung Kiel-Korsör) nachgeholt, nicht ohne die Karte mit einer zusätzlichen 10 Øre Marke der Våbentype - Ausgabe (Postkartenauslandsporto) zu frankieren.
    Die Karte trägt aber nicht den den Aufdruck Weltpostverein bzw. union postale universelle, also nicht für den internationalen Postverkehr zugelassen, als Brief zu frankieren und folgerichtig mit Nachporto belegt. T-Stempel plus Ra2-Stempel "Utilstrækkelig frankeret" 10 Øre = 12 1/2 centimes. 20 Pfg. Nachporto in Deutschland erhoben.


    Viele Grüße
    DKKW

  • Hallo DKKW,


    ein sehr schönes Stück! Glückwunsch dazu und danke fürs Zeigen.
    Die Theorie hört sich recht plausibel an.


    Viele Grüße
    Michael

    Mitglied im DASV - Internationale Vereinigung für Postgeschichte

  • Hallo Alle


    Hier ein Brief aus Keitum nach Kopenhagen sendet am 12.9.1865, Frankiert mit Nr.9, 1¼ Sch. Der Porto von S,H nach Däbemark 2 Sch war fehl ¾ Sch. Sendungen mit zuwenig Porto sind als Unfrankierte Sendungen bezeichnet, dann war der Porto 3 Sch. minus der Wert des Briefmarke, hier 3 minus 1¼ Sch. Fehlende Porto sind 1¾ Sch umgerechnet bis 5 6/10 Sch.dän. erhöht bis 6 Sch.dän. erhoben beim Empfänger. Auf der Siegelseite gestempelt in Apenrade und Hadersleben und Ankunftsstempel in Kopenhagen. Warum ein Stempel aus Apenrade weist ich nicht.


    Der Brief sind gestempelt mit "Unzureichend frankirt" und wie Nordlicht früher schreibt aus Hadersleben. Die Stempelgröße sind 38 X 15 mm.


    Ich habe der Brief früher schauen in Tread S&H.


    Leider fehhlt das untere linke Ecke.




    Viele Grüße, Jørgen

  • Der folgende Brief wäre mit 20 Kopeken für die Strecke Warschau-Leipzig korrekt frankiert gewesen.
    Da er aber nur eine 10 Kopekenmarke aufwies erhielt er von der preußischen Post den Stempel Unzureichend frankirt.
    In Sachsen war man anscheinend der Meinung, dass man dem Empfänger nicht auf Grundlage eines (ungeliebten) preußischen Stempels 3 Groschen abknöpfen könne und rechtfertigte sich daher mit der sächsischen Variante desselbigen. ;)



    Oder hat jemand eine andere Erklärung ?


    Viele Grüße
    Michael

    Mitglied im DASV - Internationale Vereinigung für Postgeschichte

  • liebe Sammlerfreunde,
    ich kann einen weiteren preußischen Brief mit dem Nebenstempel "Unzureichend frankirt" zeigen. Der Nebenstempel kann hier CLEVE zugeordnet werden. Es handelt sich leider nur um eine Ganzsachenvorderseite. Der Brief wurde am 12.1.1866 von CLEVE nach Dorfrecht gesandt. Anhand der Adresse vermute ich, dass es sich um einen Ort in den Niederlanden handelt:
    De Hooggebooren Heer
    de Heer P. Repelaer van Spykemissa
    Dorfrecht

    Ich kann Dorfrecht nicht finden, nur ein Dordrecht in den Niederlanden. Der Brief wurde mit 10 (Cent) nachtaxiert. Das könnte zum niederländischen Postvertrag passen. Demnach sollte ein einfacher Brief aus dem ersten preußischen Rayon 2Sgr. kosten, wenn er frankiert ist. Es fehlen also 1Sgr. = 5Cent. Bei un(unter)frankierten Briefen kommt ein Zuschlag von 5 Cent dazu, also die ausgeworfenen 10Cent.


    Wer kann Genaueres zu dem Ort DORFRECHT sagen?
    beste Grüße
    #preussen_fan
    Erwin W.

    viele Grüße
    Erwin W.
    preussen_fan

    Einmal editiert, zuletzt von preussen_fan ()

  • Lieber Erwin,


    vielen Dank - der Absender hat "Dortrecht" geschrieben, das war doch fast richtig. Jedenfalls hat die NL - Post schon gewußt, wo er hingehört. Feines Stück! :P

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • lieber Ralf,
    meiner Meinung nach hat der Absender Dorfrecht geschrieben; vergleiche mal das f mit dem Schluss-t. Aber er wird wohl Dordrecht gemeint haben. Schade dass die Rückseite fehlt.
    Aber viel wichtiger ist mir der Nebenstempel, der in dieser Form nur selten auftaucht und von CLEVE habe ich ihn noch nicht gesehen.
    beste Grüße
    Erwin W.

    viele Grüße
    Erwin W.
    preussen_fan

  • Lieber Erwin,


    schau dir einfach das "f" von "franco" an - es ist ein "t", glaubs einem alten Graphologen und Kalligraphen. ^^

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo Erwin,


    auch ich denke, daß es 'Dortrecht' heißt. Leider handelt es sich nur um die Vorderseite des Briefes, so daß wir ohne einen eventuellen Vermerk auf der Rückseite nur Vermutungen anstellen können.
    Der Stempel 'unzureichend frankirt' ist mir im Zusammenhang mit Kleve auch noch nicht untergekommen. Vielleicht hat der Absender angenommen, daß Dordrecht noch zum Bereich des ermäßigten Nahbereichs-Portos gehörte.
    Kannst du mir einen 600dpi-Scan mailen, damit den Beleg und das Datum archivieren kann?


    beste Grüße


    Dieter

  • lieber Ralf, lieber Dieter,
    ich glaube ja auch, dass der Absender Dortrecht geschrieben hat. Aber Ralf, dann sehe ich ja zwei verschiedene Schreibweisen für das t. War das üblich?
    beste Grüße
    Erwin W.

    viele Grüße
    Erwin W.
    preussen_fan

  • Lieber Erwin,


    die Endbuchstaben wurden in dieser Zeit oft noch etwas ornamentiert geschrieben - vom graphologischen Standpunkt aus sind die beiden "t" gleich zu sehen. Bei einem "f" würde die Unterlänge fehlen - das machte man nicht, weder im Wort, noch am Ende.

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo,


    ein schöner Beleg für diesen Nebenstempel.
    Aber er ist nicht von Cleve, sondern wurde sicherlich im Grenzpostamt abgeschlagen.


    Viele Grüße
    nordlicht

  • lieber nordlicht,
    ich habe bisher wenige dieser Nebenstempel aus der Preussen-Zeit gesehen. Deshalb bin ich auch nicht kompetent genug, etwas über die Herkunft des Stempels zu sagen. Welche Orte kommen deiner Meinung nach in Frage?
    Was ich nur zu Bedenken gebe ist, dass, wenn der Stempel erst im Grenzpostamt aufgesetzt wurde, das Postamt in Cleve dann aber geschlafen haben müsste und den unterfrankierten Brief übersehen hätte. Das ist ja bei Preußen sehr unwarscheinlich.
    Ein unterfrankierter Brief erhielt entweder einen "Im Briefkasten vorgefunden" Stempel, oder handschriftlich "Kastenbrief" oder ähnliches, oder halt diesen in Frage stehenden Nebenstempel.
    beste Grüße
    preussen_fan
    Erwin W.

    viele Grüße
    Erwin W.
    preussen_fan