Portofreiheit

  • Auch wenn ein Großteil des Forums nach seltenen Leitwegen, kuriosen und komplexen Gebührenvermerken und sonstigen Seltenheiten Ausschau hält, so interessieren mich auch die "einfacheren Belege".
    Auf Grund dessen bin ich nicht abgeneigt, portofreie Dienstbriefe in meine Sammlung aufzunehmen. Das Geschichtliche stellt eben ein sehr großes Interessengebiet meinerseits dar und eben solche Briefe von Behören an Behörden (oder sonstige Einrichtungen/Dienststellen) bieten oft interessante Einblicke in die damalige Zeit.
    Generell bin ich über geschichtliches Interesse überhaupt erst auf das Gebiet der Altbriefe und ihre Sammelwürdigkeit gekommen! ;)


    Zumal stellen diese Briefe in ihrer durch den niedrigeren Kaufpreis bedingen höheren Anzahl eine sehr gute Möglichkeit zur stetigen Verbesserung
    meiner Kurrenttransliterationsfähigkeiten :D dar.


    Hier möchte ich portofreie Briefe des Großherzogtums Baden aus der Markenzeit vorstellen. Beginnen wir mit dem ersten Brief.


    Beschreibung des Belegs:
    portofreie Dienstsache aus dem Jahr 1869
    einseitiger Brief


    Stempel:
    Orschweier K2-Aufgabestempel vom 13.07.1869


    Taxierung:
    portofrei


    Absender & Empfänger:
    Absender: katholisches Pfarramt Ringsheim
    Empfänger: Direktion der Gr. Bad. Heil- und Pflegeanstalt zu Illenau


    Inhalt des Briefes:
    Info über die Beaufsichtigung und Pflege der Frau Maria Anna Weber, einer früheren Patientin der Anstalt.
    Sie befindet sich "in demselben körperlichen und geistigen Zustande", in dem sie sich bei Abgang aus jener Anstalt befand.


    Sonstige Bemerkungen:
    keine



    Infos & Bilder der Anstalt:

    Die Illenau in Achern war ursprünglich als Heil- und Pflegeanstalt konzipiert und wurde 1842 erbaut.
    Die Anstalt war bis 1940 in Betrieb und wurde dann von den Nationalsozialisten im Rahmen der Aktion T4 (systematische Ermordung von Menschen mit geistigen und körperlichen Behinderungen) aufgelöst und als Reichsschule für Volksdeutsche verwendet. In das ehemalige Direktorialgebäude zog Ende 2009 das Technische Rathaus der Stadtverwaltung ein. Im März 2010 fiel die Entscheidung, im verbliebenen freien Teil des Gebäudekomplexes die übrige Stadtverwaltung zusammenzuführen. Die Patientenakten der Illenau sind nahezu vollständig erhalten und werden im Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg aufbewahrt.

    [Blockierte Grafik: http://www.freie-buerger-ev.de/Blog/public/PDF/.Illenau-1_m.jpg


    [Blockierte Grafik: http://ortenaukultur.de/dynamic/veranstaltung/bilder/grossbild/13_02_27_luftbild_illenau_11.02.1929__stadtarchiv_achern.jpg


    Die Illenau im Jahr 1929 (Stadtarchiv Achern)

  • Hallo Don Stefano,


    warum man aber (wann?) D. S. (= Dienst Sache) gestrichen hat, kann ich auch nicht sagen.


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo Don Stefano,


    warum man aber (wann?) D. S. (= Dienst Sache) gestrichen hat, kann ich auch nicht sagen.


    Liebe Grüsse von bayern klassisch


    Um zu vermerken, dass es sich um eine staatliche Angelegenheit handelt? Siehe "Staatsdienstsache" darüber. Scheint schriftmäßig seitens des Absenders geändert worden zu sein.
    Jedoch nur eine Vermutung meinerseits.

    Beste Grüße,
    Stefan

  • Stimmt. Nun denn, darüber kann man wohl nur spekulieren. Vom Schriftbild her unterscheidet sich der Schriftzug "Staatsdienstsache" doch etwas vom Rest, fällt mir jetzt erst auf.
    Womöglich ein überpenibler Postangestellter?! ^^ Manche Dinge können einfach nicht definitiv geklärt werden.. :D

    Beste Grüße,
    Stefan

  • Hallo Don Stefano,


    mir sind die badischen Postvorschriften leider nicht so geläufig, wie die bayerischen, daher tappe ich da etwas im dunkeln, aber Abänderungen im Bereich der Adresse durfte eigentlich nur der vornehmen, der die Adresse geschrieben hatte, also nur der Absender. In vielen Fällen, wenn etwas auf der Adresse falsch war, musste man den Brief zur Abänderung derselben zurück geben.


    Wenn du einen BigMac bestellst und die Verkäuferin gibt dir 2 kleine Cola, die dasselbe kosten, wirst du auch nicht hingerissen sein. So war das damals auch - hatte die Post Teile der Anschrift verändert, war sie auch schuld, wenn etwas in die Hose ging, was man aber immer zuerst dem Absender in die Schuhe schieben wollte.


    Stell dir mal vor, ein Absender schreibt "recommandirt" oder "gegen Postschein" und wirft den Brief ab 1861 in den Briefkasten. Dann musste er auch recommandirt versandt werden. Tat die Post das nicht, und es gab dort etliche Fehler, ging der Brief verloren, hatte der Absender ein Problem im Bereich von 24,5 Gulden (Versicherungssumme) plus Porto.


    Nur ein Beispiel, das zeigen soll, warum Streichungen auf Adressen nicht so einfach ausgeführt werden durften, wie man das heute vlt. denken mag.


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Jetzt wo du es sagst, meine ich dies auch im Band 1 von Helbig gelesen zu haben, der "heilige Absenderwille" wenn ich mich nicht täusche.
    Da sich dieser Sachverhalt leider nicht klären lässt, muss man ihn nun so im Raum stehen lassen. Interessant ist es dennoch allemal.


    So, ich werde morgen einen weiteren Beleg hier einstellen und bin dann jetzt erstmal offline. :P :D

    Beste Grüße,
    Stefan

  • Beschreibung des Belegs:
    portofreie Dienstsache aus dem Jahr 1868
    Militäraushebung betreffend


    Stempel:
    Orschweier K2-Aufgabestempel vom 12.06.1869
    rückseitig K2-Stempel von Bruchsal vom 13.06.
    sowie K2-Stempel von Heidelberg-Basel ebenfalls vom 13.06.


    Taxierung:
    portofrei


    Absender & Empfänger:
    Absender: Gemeinderat Grafenhausen / Aushebungsbezirk Ettenheim
    Empfänger: Gemeinderat zu Philippsburg


    Inhalt des Briefes:
    Mitteilung über stellungspflichtigen Wehrpflichtigen zur Aufnahme in die Aushebungsliste von Philippsburg


    Sonstige Bemerkungen:
    163 km Luftlinie

  • Hallo Don Stefano,


    der Betreffende hieß Sohm und sein Vater, damals schon verstorben, war immerhin Postexpeditor! Seine Frau hat ihn überlebt, grad wie heute in den meisten Fällen.


    Ein sehr schöner Brief, der alles zeigt, was so ein Brief zeigen kann. Für kleine Münze kann man so etwas immer mitnehmen und hat seinen Spaß daran. Vlt. gibt es die Fam. Sohm dort noch und man ist genealogisch stark interessiert?


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Stimmt, der Vater ist bereits im Jahre 1863 im Alter von 46 Jahren verstorben, die Mutter hingegen lebte bis 1899 und wurde 72 Jahre alt.
    Für den Vater ist im online einsehbaren Familienbericht beruflich "Bahn- und Postbeamter" vermerkt.
    Joseph Heinrich Sohm war der erste von insgesamt 12 Kindern!


    Bei näheren Informationen seitens uns als Besitzer solcher Belege an Nachkommen oder andersherum über Nachkommen an uns kann man bei intensiver Recherche sicher einige interessante Informationen herausfinden oder wie du erwähnt hast bei familiengeschichtlichen Angelegenheiten weiterhelfen.

    Beste Grüße,
    Stefan

  • Hallo Don Stefano,


    vielen Dank für die erstklassige Recherche - wenn er mit 46 verstorben ist und 12 Kinder zeugte, wissen wir jetzt wenigstens, was ihm neben seiner beruflichen Tätigkeit auch sonst am meisten lag (zumal Kinder bis zur Taufe oftmals noch gar nicht als "Menschen" galten und daher statistisch durchs Raster fielen). Aber auch das war die so oft beschworene "gute, alte Zeit".


    Liebe Grüsse von bayern klassisch

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Portofreie Dienstsache des großherzoglichen Notars Eckard aus St. Blasien an das Bürgermeisteramt in Schluchsee aus dem Jahre 1867.


    K2-Aufgabestempel ST. BLASIEN vom 01.12.


    Inhalt:


    Vorladung
    Beschluss:
    1. Wird zur Belehrung wegen unterlassener Teilung Tagfahrt auf Donnerstag, den 5. Dezember 1867 nachmittags 2 Uhr in das Rathaus zu Schluchsee angeordnet.
    2. Geht dieses an das Bürgermeisteramt Schluchsee zur Eröffnung an die Beteiligten. Über die geschehene Eröffnung wolle mir Bescheinigung zurückgesendet werden.
    Unten sind die vorzuladenden Personen erwähnt: 1.) der Witwer 2.) die Tochter 3.) der Sohn

  • Liebe Sammlerfreunde,


    folgender Brief wurde am 16.9.1852 in Bühl als portofreie Dienstsache aufgegeben. Die Post vermerkte "kein Dienstsiegel" und notierte 6 Kr Porto = 3 Kr für eine Entfernung bis 10 Meilen plus 3 Kr Strafzuschlag. Das Bürgermeisteramt in Baden verweigerte die Annahme, rückseitig der Vermerk "wird mit Porto nicht angenommen". Die rückseitigen Bahnstempel vom 16. und 17. September belegen Hin- und Rückweg.


    Viele Grüße

    Bruno

  • Lieber Bruno,


    Postgeschichte pur - den darfst du gerne bei der ARGE Baden vorstellen (im Workshop), dann sehen diese Rosine auch die Anderen. Klasse! :P

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus