Der deutsch-französische Krieg 1870/71

  • Hallo Tim,


    habe gerade die Seite geöffnet und kann alle Seiten sehen. Ich weiß nicht,

    ob etwas schief gelaufen ist. Bin kein Computerspezialist. Hier die Abbildungen

    noch einmal.


    Gruß

    Rudolf



  • Ich kann mir vorstellen, woran es liegt: Dein Link geht auf den Speicherort deiner Festplatte. Daher kannst nur du die Bilder sehen.


    beste Grüße

    Dieter

  • Verehrte Sammlerfreunde,


    als die Ehefrau des Grafen Georg Ernst Franz Heinrich Graf von Waldersee, Oberst und Kommandeur des Kgl. Preußischen 4. Garde-Grenadier-Regiments "Königin Augusta", Laura von Waldersee (geb. von Knoblauch) die Karte anbei am 5. August 1870 an ihren Ehemann ins Feld verschickte, befand sich dieser gerade mit seiner Einheit auf dem Vormarsch nach Frankreich in der bayerischen Pfalz bei Kaiserslautern im - zu diesem Zeitpunkt reichlich verregneten - Biwak. Ihre Zeilen zunächst wie folgt:


    An den

    Oberst u. Kommandeur der 4. Garde-Grenadier-Reg. Königin,
    Herrn Grafen von Waldersee

    2te Armee, Garde-Korps, 2 Garde-Division 4te Garde-Inf.-Brigade


    Deinen Brief u. Karte aus Alzey empfangen. Vielen Dank dafür. Hier ist Gottlob alles wohl. Herzlichen Gruß. Gott schütze Dich.


    Laura


    Passin 4ter August


    Zwei Wochen später wurde der Graf am 19. August in der Schlacht von Gravelotte durch einen Schuss in den Unterleib schwer verletzt, konnte sich aber recht schnell wieder davon erholen. Hierfür ausgezeichnet mit dem EK II. übernahm er schon bald wieder sein bereits am 13. Januar 1870 angetretenes Kommando. Im Oktober 1870 lag er mit seinem Regiment vor den Toren von Paris. Eine seiner Kompanien hielt das Dorf Le Bourget nordöstlich der Hauptstadt besetzt, auf das der Kommandant des ca. 8 km weiter westlich liegenden, schwer bewaffneten Forts von St. Denis, General Carrey de Bellamare - ohne vorherige Abstimmung mit dem Oberkommandierenden der Pariser Verteidigung General Louis Jules Trochu - am frühen Morgen des 28. Oktober einen erfolgreichen Überraschungsangriff startete.


    Der sächsische Kronprinz sah die drohende Gefahr und bot alle vier Garde-Regimenter „Elisabeth“, „Augusta“, „Franz“ und „Alexander“ wie auch das Garde-Schützenbataillon auf, um die Stellung so rasch als möglich wieder zurück zu erobern. Im Aufmarschzentrum folgte die Artillerie, die Kavallerie deckte die äußersten Flanken. Den ganzen Folgetag lang wurde das Dorf zunächst unter heftigen Artilleriebeschuss genommen, ohne Erfolg. Am 30. Oktober erfolgte die Erstürmung der von den Franzosen angelegten Barrikaden, darauf ein erbitterter Kampf von insgesamt vier Stunden, bei dem fast jedes Gebäude einzeln erstürmt werden musste.


    Graf Georg Ernst Franz Heinrich von Waldersee (1824-1870)


    Mit der Rückeroberung von Le Bourget verschlechterte sich die Stimmung der Pariser Bevölkerung rasant, da sie zudem die Meldung der Kapitulation von Metz hatte hinnehmen müssen. Die Verluste auf deutscher Seite (378 Gefallene/Verwundete) waren im Vergleich zu jenen des Gegners (1.800 Gefallene/Verwundete, 1.200 Gefangene) überschaubar, allerdings befand sich unter den 34 gefallenen Offizieren der Garde auch der Graf von Waldersee, welcher tödlich getroffen worden war. F.W. Heine berichtet hierzu in einem Beitrag der Gartenlaube: Man erzählt, durch Verrath. Aus einem Fenster winkten Franzosen mit weißen Tüchern, und als der Oberst auf dieses Zeichen der Ergebung näher getreten, sei er unter ihren Kugeln zusammengestürzt. „Grüßen Sie meine arme Frau!“ waren die letzten Worte, als er in den Armen der Seinen den Geist aufgab.


    Der Tod des Kommandanten soll in anderen Medien auch in Verbindung mit an den Kämpfen beteiligten Franktireurs gebracht worden und dieser durch die weiße Palamentärflagge angelockt worden sein. Die Regimentsgeschichte von J. Lill (Berlin/Leipzig 1889 / Frankfurt a.M. 1894) weist dies als Falschangabe zurück, und gibt an, dass der Oberst im Zentrum des Gefechts nahe der Kirche hinter einer Schießscharte von einer Kugel durch die Brust getroffen wurde. Dass sich ausgerechnet ein erfahrener Kampfkommandant mitten im - auch danach noch weiter laufenden - Gefecht mit Offizieren seines Stabes darauf eingelassen haben soll, hört sich in der Tat auch äußerst fragwürdig an.


    + Gruß

    vom Pälzer


    Verwendete Quellen:

    https://de.wikisource.org/wiki/Seite:Die_Gartenlaube_(1870)_866.jpg

    https://de.wikipedia.org/wiki/…Waldersee_(Offizier,_1824)

    https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_von_Le_Bourget

    Bildquelle:

    Regimentsgeschichte J. Lill (Berlin/Leipzig 1889)

  • Lieber Franz,


    vielen Dank, es ist einiges an neuem Material hinzugekommen. Es wird hier also schon bald wieder weiterehen.


    Viele Grüße!

    Tim :thumbup:

  • Guten Abend zusammen,


    1870/71 hatte vor einiger Zeit nachgefragt, ob evtl. Belege vorliegen, die kurz nach der Kriegserklärung Frankreichs (19. Juli 1870) aus den Mobilmachungsstützpunkten ergangen sind. Musste bisher leider verneint werden, aber wie der Zufall das eben so will, kam nun ein solcher Beleg hinzu. Neben der lt. Feldpost-Ordre No.2 seit 17. Juli für die Mobiltruppen geltenden Portofreiheit und der insofern nicht erforderlichen Frankatur ist es zudem der früheste dieser Art, den ich bisher kenne.


    Zunächst aber zum - auf den ersten Blick wenig ergiebigen - Inhalt:



    Feldpostbrief

    cito !


    An den Königlichen Kreisphysikus

    Herrn Medicinalrath Dr. Zimmermann
    Braunfelds Reg. Bez. Coblenz


    Absender

    Zimmermann

    Fähnrich im 6. Jäg.(er) Bataillon (No.2)


    Danke für Brief u. Paket. Reichenbach kommt zur Ersatzcompagnie; eben ist er auf Commando, von dem er in einigen Tagen kommt.

    Wie ist es also wegen des Gelds ? Gestern habe ich ein Brief abgeschickt. Marschordre haben wir nicht, jedoch in den nächsten Tagen,

    wo ich Euch dann telegraphiere!

    Herzlichen Gruß

    Euer Richard.


    Das 2. Schlesische Jägerbataillon No. 6 war vom 19. April 1860 bis 26. September 1873 am Aufgabeort der Karte in Freiburg / Schlesien garnisoniert. Dass es lt. Verfasser noch eine Woche nach der Mobilmachung vom 14. Juli 1870 keinen Marschbefehl erhalten hatte, ist schon etwas bemerkenswert und begründete sich wie folgt:


    Zar Alexander II hatte dem preußischen König zwei Tage vor der Kriegserklärung Frankreichs versichert, dass für den Fall, dass Österreich aus seiner Neutralität heraustreten würde, dessen Armee mit 300.000 Mann parallelisieren und ggf. zu einer Besetzung Galiziens schreiten würde. Er ging sogar soweit, dass er dem damaligen französischen Botschafter in St. Petersburg Émile Félix Fleury gegenüber - etwas eigenmächtig - erklärte, dass Preußen keine Truppen gegen ein passives Österreich aufmarschieren lassen würde.


    Trotzdem er damit aus der schon seit längerer Zeit im Hintergrund mit Bismarck verhandelten Schattenallianz trat und der österreichische Kronrat am 18. Juli die Entscheidung fällte, dass die Habsburgmonarchie (zumindest für`s erste) lediglich als Zuschauer des Duellkrieges verbleiben wolle, verfuhr Preußen nach dem Motto: Vertrauen ist gut, Kontrolle besser. So hatte der preußische Generalstab zu Beginn des Krieges dennoch größere Truppenkontingente als Sicherung gegen Österreich auf deutschen Boden zurückbehalten.


    Moltkes Aufmarsch- und Operationsplan sah vor, mit 10 Korps gen Westen zu ziehen, während 3 Korps plus Landwehr (rd. 120.000 Mann) notfalls eine hinhaltende Defensive gegen eine österreichische Invasionsarmee zu führen hätten. Erst als nach den unerwartet erfolgreichen Grenzschlachten Anfang August 1870 deutlich wurde, dass Frankreichs Offensivkraft bereits so gut wie gebrochen war und nunmehr die Priorität darauf lag, die Verfolgung seiner sich im Hinterland neuformierenden Kräfte aufzunehmen, konnte zu Unterstützung dessen auf solche Reserven zurückgegriffen werden.


    Darunter fiel auch das VI. Armeekorps in Schlesien, dem u.a. die Einheit des Verfassers unterstellt war. Das der III. Armee (Kronprinz Friedrich Wilhelm) unterstellte Korps verlegte demnach erst Anfang August Richtung Frankreich und sammelte sich zum 6. zunächst im pfälzischen Landau. Nach Überschreiten der französischen Grenze erhielt der Korpskommandeur General von Tümpling am 12. August den Befehl zur Belagerung der - bislang von der III. Armee umgangenen - Vogesenfestung Phalsbourg, was u.a. zum ersten Einsatz der schlesischen Jäger führte.


    + Gruß


    Verwendete Quellen:

    https://opus.bibliothek.uni-au…ianz_Festessay_Becker.pdf

    DeWiki > VI. Armee-Korps (Deutsches Kaiserreich)

  • Hallo Tim,


    das fehlende Wort ist "Wie" denke ich.


    Das ist die früheste Karte, die ich je gesehen habe. Mal sehen, ob 1870/71 frühere Karten kennt, aber das kann ich mir kaum vorstellen. Sagenhaft! :P:P

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Chasing Sheep Is Best Left To Shepherds

  • Hallo Pälzer,


    zwar nebensächlich, aber der Vollständigkeit halber zum Text:

    es heißt „eben ist er auf Commando …“ und vor „Marschordre“ steht der Satz „Gestern habe ich ein Brief abgeschickt.“


    Beste Grüße

    Will

  • Guten Abend,


    neulich konnte ich einen Brief aus Stolp in Pommern vom 24. Juli 1870 nach Berlin an den Major und Bataillonschef Bernhard v. Puttkamer im 2. Garde-Regiment zu Fuß erwerben.


    Der Brief wurde überflüssigerweise mit 1 Groschen frankiert aufgegeben und erhielt dementsprechend keinen Portofreiheitsvermerk.


    Offensichtlich brauchte es eine gewisse Anlaufphase bis die den Angehörigen des Heeres und der Marine während ihres mobilen Verhältnisses zugestandene aktive und passive Portofreiheit allgemein bekannt war.


    Belege aus dieses frühen Kriegsphase bilden den idealen Start einer postgeschichtlich abwechslungs-reichen Feldpostsammlung.


    Es freut mich sehr, dass Tim diese Karte erwerben konnte!


    Unsere Augen sind nun besonders wachsam und wir werden weitere derartige Frühbelege entdecken.


    Beste Grüße


    1870/71

  • Guten Abend Sammlerfreunde,


    bereits in post409 konnte ein Kriegsgefangenenbrief gezeigt werden, der - reichlich spät noch - am 09.06.1871 aus der Festung Germersheim nach Frankreich gelaufen ist.


    Hier nun ein weiterer, vom Festungskommando Germersheim zensierter KGF-Beleg, der deutlich früher, d.h. am 27.10.1870 nach Cosne-Cours-sur-Loire (Département Nièvre) gelaufen ist. Das direkt an der Loire gelegene Örtchen findet sich ca. 115 km weiter südöstlich von Orléans. Adressiert wurde an eine Madame Veuve Audoux on à sa famille á Cosne. (~ Madame Veuve Audoux weiter zu ihrer Familie in Cosne). Absender war ein Adrien Audoux.


    Aus dem schon im vorgenannten post409 verlinkten Bericht über den gegen Jahresende 1870 in der Festung Germersheim erfolgten Ausbruch der Blattern-Epidemie geht hervor, dass „dieselbe unverkennbar mit dem am 11. Dezember hier angekommenen, aus den Kämpfen bei Orleans stammenden Gefangenentransport zusammenhing“ (vgl. Bericht S.5).


    Bei dieser Einschiffung wird auch besagter Soldat Audoux mit dabei gewesen sein. Sein Brief wurde nun genauso wie jener in post409 mit einer Nummer versehen (hier 4382), aus der ich mir im Moment keinen Reim machen kann. Ich könnte mir vorstellen, dass es sich dabei um die Erkennungsnummer des Soldaten oder die einer Kriegsgefangenenliste gehandelt hat. Sicher bin ich mir da aber nicht.


    Wer über diese Durchnummerierung von KGF-Briefen evtl. mehr berichten kann; lerne immer gerne Neues dazu.


    Viele Grüße

    vom Pälzer


  • Hallo Tim,


    feines Stück - nicht häufig!


    Zur Nummerierung: Ich könnte mir vorstellen, dass man aus verschiedenen Gründen eine Statistik haben wollte, wie viele KGF-Briefe aus den Lagern versandt worden waren. Die Nummerierung zu deinem 1. Brief passt ganz gut, wie ich meine.

    Die Zahlen sind nicht von franz. Hand geschrieben, also weder vom Absender, noch von den Empfängern, die Post hat sie nicht recommandirt (ich hätte mal gerne einen Reco-KGF-Brief von Bayern nach Frankreich gesehen!), so dass praktisch nur die Germersheimer dafür in Frage kommen.

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Chasing Sheep Is Best Left To Shepherds

  • Lieber Dietmar,


    etwas off topic: Zu dem tollen Artikel von dir habe ich mal einen Brief mit einer 2II aus 1864 an mikrokern verkauft - da war der Emfpänger auch in Rebdorf inhaftiert. Vlt. könnt ihr den Brief aufarbeiten? Wäre doch für den nächsten RB eine interessante Sache ...

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Chasing Sheep Is Best Left To Shepherds

  • Hallo zusammen,


    @Dietmar, sehr guter Hinweis, scheint eine bayerische Spezialität gewesen zu sein, denn auf aus Preußen nach F aufgegebenen KGF-Belegen habe ich diese Durchnummerierungen noch nicht gesehen.


    Viele Grüße !


    Tim

  • Verehrte Sammlerfreunde,


    bereits in post488 hatten wir eine weltbekannt gewordene Helferin der Menschheit, die Gründerin des American Red Cross Clara Barton (1821-1912) mit einem an sie während des deutsch-französischen Krieges 1870/71 aus der Schweiz nach Karlsruhe gelaufenen Beleg ehren können. Sie hatte sich während der Sezessionskriege (1861-1865) als freiwillige Krankenpflegerin den Ruf der amerikanischen Florence Nightingale erarbeitet. Danach weilte sie zur Erholung in die Schweiz und traf dort den Chirurg Loius Appia, ein Gründungsmitglied der Vorläuferinstitution des späteren Internationalen Komitees des Roten Kreuzes. Sie erfuhr über ihn von Henry Dunant, der Idee einer internationalen humanitären Organisation, die sich in Kriegen um Verwundete kümmern wollte. Nach ihrem Einsatz im deutsch-französischen Krieg kehrte sie in die USA zurück in begann im Jahre 1873 mit dem Aufbau des American Red Cross.


    Nun haben wir es anbei mit einem Beleg zu tun, der an die deutsche Florence Nightingale, das aus einer Adelsfamilie aus Pommern stammende Fräulein Elise von Mellenthin (1834-1911), welches im deutsch-dänischen Krieg 1864 im deutsch-deutschen Krieg 1866 und auch noch mit deutsch-französischen Krieg 1870/71 freiwillig Verwundete und Kranke pflegte. Erstaunlicherweise findet man von ihr so gut wie nichts im www, lediglich ein paar Randnotizen. Aber es konnte über das www aus weiter Ferne ein von Edmund Stein (Potsdam 1911) verausgabtes Büchlein organisiert werden: Elise von Mellenthin Briefe einer freiwilligen Krankenpflegerin aus den Kriegen 1864, 1866, 1870-71 und Aufzeichnungen aus ihrem Leben, das immerhin 306 Seiten hat.


    Das ist heute hier nach fünf Wochen aus Dehli (Indien) eingetroffen und erklärt erfreulicherweise alles, auch en détail den vom Johanniter-Orden Balley Brandenburg im Oktober 1870 nach Château Puxe aufgegebenen, recht groß geratenen, leider inhaltslosen Briefbeleg. Doch der Reihe nach: Schon im Jahre 1864 war das Fräulein von Mellenthin als freiwillige Krankenpflegerin im Krieg gegen Dänemark im Hauptfeldlazarett zu Schloß Gottorf bei Schleswig tätig gewesen. Als dann zwei Jahre der deutsch-deutsche Krieg ausbracht eilte sie Anfang Juli 1866 nach Böhmen, wo sie im Auftrag des Oberpräsidenten der Provinz Schlesien von Schleinitz nach Königgrätz entsandt wurde, um dort das Feldlazarett in Hořiněves zu leiten, wofür sie von Wilhelm I mit dem Luisenorden 1. Abteilung erhielt. Der König bemerkte nach der Verleihung: „Sie danken mir ? Wir haben Ihnen zu danken !“


    Elise von Mellenthin (1834-1991)


    Dann kam der Krieg 1870/71 und das Fräulein von Mellenthin drängte - natürlich - sofort wieder zum Einsatz. Vom Zisterzienserinnen Fräuleinstift Lindow am Wutzsee (Brandenburg) reiste sie zunächst nach Berlin, wo sie die ersten Mal französische Gefangene, Turkos, Zuaven und Spahis mit ihrer "wunderbaren Kleidung" zu sehen bekam. Sie wurde dann auf Bitte der Fürstin von Wied (geb. Prinzessin zu Nassau) am 8. August 1870 in ein Privatlazarett nach Neuwied abgeordnet. Dort war man sich offenbar aber weder dem Ernst der Lange noch der anstehenden Aufgabe bewusst, so dass der einsatzfreudigen Schwester Oberin der Geduldsfaden riss und sie sich beim Gouverneur von Bitterfeld in Koblenz die ersten 36 Verwundeten übergeben ließ. Selbst aber nach einer Stippvisite bei Königin Augusta in Berlin und Schilderung der unter der Ägide der Fürstin suboptimalen Organisation des Neuwieder Privatlazaretts ging es dort weiterhin nicht voran.


    Am 18. September 1870 verließ von Mellenthin "naserümpfend" Neuwied mit dem Dampfschiff rheinaufwärts auf zunächst unbekannte Mission zum Kriegsschauplatz nach Frankreich. In Bingerbrück verließ sie das Schiff und fuhr mit der Nahetalbahn die bayerische Nordpfalz am Glan streifend nach Saarbrücken, wo sie am Abend des 19. September eintraf. Dann ging es Richtung Metz, wo sie weiter südlich bei Ars über eine Pontonbrücke die Mosel querte. Vom Feldgeneralarzt Abel des III. Armeecorps (Kommando General von Alversleben) empfing sie bei Nouvèant-sur-Moselle ein Brief, in dem er sie ersuchte, ihre Dienste auf das Rekonvalezentenschloss Puxe bei Doncourt und im nicht unweit davon gelegenen Jeandelize westlich von Metz zu konzentrieren. Von Mellenthin befand sich in dieser Zeit oft auf länger anhaltenden Requisitionsreisen nach Verneville-Conflans, wohin der anbei gezeigte Brief umgeleitet wurde.


    Neben den von den deutschen Truppen eingerichteten Proviantmagazinen erfuhr sie auch vielfach Unterstützung durch ein von der British National Society Aid eingerichtetes Sanitätsdepot. Umfang und Qualität der dort aufgelaufenen Liebesgaben bezeichnete sie als beispiellos und betont in ihren Aufzeichnungen, dass die Erfolge ihres rd. sieben Monate währenden Einsatzes größtenteils auf Spenden von der britischen Insel beruhten. Nach der Kapitulation von Metz wurde das Lazarett im Schloß Puxe aufgelöst und von Mellenthin trat ihren schweren Dienst innerhalb der von Marshall Bazaine am 27. Oktober 1870 aufgegebenen Festung an. Das Bild, das sich ihr in der etwa drei Monate lang belagerten Stadt bot, war katastrophal. Dort war unter den französischen Truppen gerade eine Ruhr-Epidemie ausgebrochen, die Lazarette mit über 20.000 Kranken heillos überfüllt und nicht mehr in der Lage, weiter durchzuhalten.


    Am „wunderbarsten“ befand von Mellenthin das auf dem Place Imperial aus Eisenbahnwaggons gebildeten Sanitätslager, wo man allen Unrat einfach auf die Gasse warf. Die hygienischen Zustände innerhalb der Festung waren derart untragbar, dass das Militärsanitätswesen entschied, alle Kranken aus der Stadt hinauszubringen. Dabei wurde u.a. in dem in der Vorstadt Sablon gelegenen Kloster der Sœurs St. Chrétienne ein Evakuierungslazarett eingerichtet. Während ihres dortigen Pflegedienstes infizierte sich die tapfere Helferin mit den Pocken, die sie aber folgenlos überstand. Danach ging es auf größeren Umwegen nach Rambouillet vor den Toren von Paris, wo sie auf Ersuchen des Armeedelegierten der III. Armee Graf Stolberg ein Dependance-Lazarett im Gymansium in der Rue Barillerie mit 80 Kranken übernahm. Das ihm übergeordnete Hauptlazarett mit rd. 400 Kranken lag im Lycée Impérial im ca. 160 km weiter südwestlich liegenden Le Mans.


    Mit Beginn des Rückzuges der deutschen Truppen wurden auch diese Einrichtungen letztendlich aufgelöst und die Kranken mit zwei sächsischen Sanitätszügen über Versailles - Châlons-sur-Champagne nach Nancy abtransportiert. Dabei kam es am Mont Valérien zu einem tragischen Unfall, als sich die letzten zwei Waggons auf der Steigung entkoppelten und mit dem nachfolgenden Zug kollidierten. Ein fürchterlicher Unfall. Auch hier merkt man, dass von Mellenthin nicht gerne über das unermessliche Leid berichtet, das ihr immer wieder vor Augen gekommen sein muss. Den Ausgang des Krieges erlebte sie in Nancy, wo sie anlässlich einer auf dem Stanislausplatz abgehaltenen Siegesparade den persönlichen Dank des Kaisers entgegennahm.


    Danach erfolgte die Rückreise über Strasbourg im Elsass, wo sie nach Passage einer Quarantänestation noch Zeugin der durch das vergangene Bombardement angerichteten heftigen Verwüstungen wurde. Am 15. März 1871 kehrte sie mit der Eisenbahn über Karlsruhe - Heidelberg - Eisenach - Magdeburg wieder zurück in ihre Heimat. Am 16. Juni nahm sie auf einer Tribüne sitzend am Einzug der deutschen Truppen auf dem Pariser Platz in Berlin teil. Friedrich von Schiller spricht in seinem Gedicht über die Barmherzigkeit der Johanniter von Söhnen edelsten Stamms, die während der Kreuzzüge an des Kranken Bett, dem Lechzenden Labung bereiten und die niedrige Pflicht christlicher Milde vollbringen.


    Hier war es eine Tochter edelsten Stamms gewesen.


    + Gruß

    vom Pälzer


    verwendete Quellen:

    1864-arkivet - Historiecenter Dybbøl Banke