Zusammenstellung verschiedener Wertstufen innerhalb der Schweiz

  • Hallo zusammen,


    heute zeige ich euch einen in der Form recht seltenen Beleg, der für den Laien vielleicht erst mal etwas unscheinbar aussieht.


    Aufgegeben wurde der Portobrief am 06.10.1881 in Saignelegier und wurde adressiert nach Le Roselet. Die Entfernung per Luftlinie beider Orte zueinander liegt bei etwas mehr als 3 km, also handelt es sich hier um einen Brief im Ortsverkehr. Laut Tarifperiode vom 01.09.1876 bis zum 31.10.1881 mussten frankierte Briefe im Lokalrayon bis 15 g mit 5 Rappen freigemacht werden. Unfrankierte Briefe kosteten das Doppelte, also 10 Rappen, die vom Postler in "schwarz" notiert und in Form von 2x5 Rappen (Mi.Nr.4) Nachportomarken verklebt wurden.


    Unfrankierte Briefe aus diesem Zeitraum zu finden, stellt schon an sich eine echte Herausforderung dar, hinzu kommt noch die Tatsache, dass es sich hier um einen Lokalrayon-Beleg handelt, was nochmal etwas seltener ist, da man 3 km auch gut zu Fuß zurücklegen konnte.


    Ich zitiere aus dem Buch "Über die Frankaturen der Sitzenden Helvetia gezähnt":


    "Die Gebühren für unfrankierte Briefe bedürfen einer Erläuterung: sowohl vor als auch nach Inkrafttreten des Posttaxengesetzes von 1862 war dem Postbenützer die <<Freimachung>> oder Frankierung von Briefen anheim gestellt, jedoch mit dem Unterschied, dass mit dem neuen Gesetz unfrankierte Sendungen mit einer Ausnahme erstmals höher belastet wurden. Der Zweck dieser Massnahme lag in der reibungslosen Zustellung. Den offenkundigen Erfolg bezeugt die Tatsache, dass der Anteil der frankierten Inlandssendungen, der 1862 kaum die Hälfte ausmachte, im Jahr 1870 auf rund 80% und sieben Jahre später [1877] gar auf über 95% anstieg"


    Alleine diese Zahlen belegen schon, dass ein unfrankierter Brief aus dem Jahr 1881 vielleicht 2% aller Postsendungen (die Tatsache, dass es sich um einen Lokalrayonbrief handelt mal ganz außen vor gelassen) ausmachte, wenn man den Gedanken jetzt noch weiter spinnt, wie viele von diesen Belegen noch erhalten sind, erhält man eine ungefähre Vorstellung von der Seltenheit.


    Hinzu kommt, dass die erste Ausgabe der Portomarken unter Sammlern sehr beliebt ist, weswegen dieses waagerechte Paar der 5 Rappen den Brief zusätzlich etwas aufhübscht.


    Der Inhalt ist eine Rechnung in Höhe von 18.90 Franken, die vom Empfänger beglichen werden mussten. Der Erhalt der Gebühr wurde am 29.10. quittiert.


    Liebe Grüße,


    Kevin

  • Hallo Kevin,


    sehr schöner Brief - perfekt von dir erklärt und ein "hidden champion".


    Schön auch der "10" Rappen - Stempel, den ich so nur aus Frankreich als 10 Decimes - Stempel kenne. Wieder was Neues gelernt ... ;)

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Schön auch der "10" Rappen - Stempel, den ich so nur aus Frankreich als 10 Decimes - Stempel kenne.


    Auf die Idee, dass es sich hier um einen Stempel handelt, wäre ich nicht gekommen, ich hätte es einfach als Stiftnotierung gedeutet, so kann man sich täuschen :thumbsup:


    Liebe Grüße,


    Kevin

  • Hallo zusammen,


    mal wieder eine neue Errungenschaft der Sitzenden Lady von mir :D


    Aufgegeben wurde der Brief am 22.02.1878 in Luzern und wurde adressiert an das Luftlinie weniger als 5 km entfernte Emmen, wo der Brief bereits am darauffolgenden Tag angekommen ist.


    Tarif vom 01.09.1876 - 01.11.1884: 5 Rappen für einen Brief der 1. Gewichtsstufe (bis 15 g) im Ortskreis (bis 10 km)
    Tarif vom 01.09.1876 - 01.11.1884: 20 Rappen für die Chargé-Gebühr

    Ergibt in summa also 25 Rappen, die auch in Form einer hübschen Buntfrankatur verklebt worden sind.


    Eingeschriebene Brief im Ortsverkehr sind nicht häufig, einen so schönen wie den, muss man dann auch erst mal finden :)


    Liebe Grüße,


    Kevin

  • Hallo Ralph,


    die sog. "Botenweibelbriefe" waren eine Eigentümlichkeit des Kanton Luzerns.


    Ich zitiere aus dem Buch "Über die Frankaturen der Sitzenden Helvetia gezählt" vom SSV:


    "Diese [Botenweibel-Briefe] waren auf den Rechtsbetrieb bezogen und enthielten oft Bareinlagen von Privaten zur Begleichung gewisser Gebühren; sie wären demnach wie Wertbriefe als Fahrpoststücke zu behandeln gewesen. Da die große Zahl solcher Korrespondenzen die Fahrpostexpediton unverhältnismäßig erschwerte, bewilligte die Postbehörde speziell für den Kanton Luzern deren Beförderung als gewöhnliche Chargé-Briefe, jedoch unter der Bedingung, dass sie keine Wertangabe trugen"


    Zitation aus dem Buch "Altschweiz- was nicht im Katalog steht" von Josua Bühler:


    "Als Besonderheit sieht der Sammler oftmals mit 20 Rp. frankierte Briefe, die an Botenweibel adressiert sind. Wir entnehmen der Verfügung 7/1866: <<Im Kanton Luzern werden die auf Rechtsbetrieb und gerichtliche Liquidation bezüglichen Sendungen und Mitteilungen mittels Chargébriefen bewerkstelligt. Es werden einerseits von Privaten an Rechtsbetriebsbeamte (Botenweibel) Chargébriefe mit Einlagen der entsprechenden Gebühren, andererseits von Rechtsbetriebsbeamten und Gerichtskanzleien Chargébriefe an Private aufgegeben, auf denen der Wert der verwendeten Marken per Nachnahme erhoben wird."


    Ich finde es relativ interessant, dass diese Regelung bloß für den Kanton Luzern gültig gewesen ist und nicht für die anderen Kantone. Bzw. in anderen Worten, warum hatte ausgerechnet Luzern einen so großen Korrespondenzverkehr solcher Schriftstücke...


    Liebe Grüße,


    Kevin

  • Hallo Kevin,


    wieder etwas dazu gelernt - wow!


    Luzern war schon zuvor, was das Reco - Verfahren anging, etwas eigen. Statt Chargé - bzw. Recommandirt - Stempel machten man dort einfach mit der Chargé - Raute weiter und pinselte munter in rot und blau drauflos.


    Macht die Briefe aber hübscher, von daher hat dieser Kanton auch die schönsten Briefe hinterlassen. Freuen wir uns darüber, dass das üble Gleichmachertum nicht auch den letzten Winkel der Schweiz erreicht hat. :P:P

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • Hallo zusammen,

    ich konnte neulich eine sehr schöne Drucksache ersteigern, die ich euch nicht vorenthalten möchte:


    Aufgegeben wurde diese am 02.01.1863 in Basel und wurde adressiert nach Delemont (Delsberg).

    Frankogerecht frankiert mit 2 Rappen für eine Drucksache der 1. Gewichtsstufe (bis 15 g) laut Tarif vom 01.08.1862 bis zum 31.08.1871.

    Die 2 Rappen der Strubel-Serie ist, mal abgesehen von der 1 Franken, die seltenste aller Strubelis, was nicht weiter verwunderlich ist, da diese bloß 1 Jahr gültig gewesen ist, nämlich vom 01.07.1862 bis zum 31.07.1863. Die Auflage betrug lediglich 400.000 Exemplare, was verglichen mit den Nachfolgewerten, der 2 Rappen Sitzenden Helvetia gezähnt von 1862 mit einer Auflage von 45.000.0000 und der von 1874 mit einer Auflage von 80.000.000 Exemplaren, doch sehr überschaubar ist.

    In dieser Qualität mit fast allseitig weißen Rändern findet man eine solche Drucksache nur selten. Mir wurde von einem Sammlerfreund, nachdem ich ihn über meinen Erwerb informiert habe, berichtet, dass solche Stücke regelmäßig mit dem dreifachen Zuschlag verkauft werden, als für den ich sie erwerben konnte...

    Liebe Grüße,

    Kevin

  • Hallo Kevin,


    feines Stück - mit tauglichem Attest (hatten wir hier bei Bayern ja unlängst anders ...). Schweiz halt, alles besser.

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus

  • ... ausnahmsweise mal kein Brief, sondern nur eine Bayern 3II mit Ortsstempel in dem entsprechenden Thread.

    Liebe Grüsse vom Ralph


    Terret vulgus, nisi metuat. Tacitus